Journalisten,
vor allem österreichische, gelten im Allgemeinen
jedenfalls als ein wenig oberflächlich, hochmütig
und oft auch als zynisch. Thomas Götz, 43, ist ein leidenschaftlicher
Journalist. Dennoch trifft nicht nur keine der genannten Eigenschaften
auf ihn zu: Das glatte Gegenteil zeichnet ihn aus. Ich
kann meine persönliche Neugierde befriedigen und habe
die Möglichkeit, bei Ereignissen dabei zu sein und Vorgänge
nachzurecherchieren, sagt er mit dem für ihn typischen
Understatement über seine Motivation. Vielleicht allerdings
hat es den nachdenklichen und zurückhaltenden Zeitungsmann
deshalb auch weder in Graz noch in Wien gehalten, sondern
nach Rom verschlagen. Dort sitzt er seit Dezember 1996 in
einer spartanisch eingerichteten Dachwohnung gleich hinter
dem Trevi-Brunnen und schickt seine Stories über italienische
und vatikanische Ereignisse per E-Mail an die Berliner
Zeitung und an die Kleine Zeitung: Die
politische Situation in Rom ist zurzeit eher uninteressant,
aber es gibt so viele andere Themen, fad wird mir nie. Vor
allem der Vatikan ist eine Fundgrube von Geschichten und Intrigen,
unabhängig von der Hinfälligkeit des jeweiligen
Amtsträgers. Künftig wird er auch über
die Türkei und Griechenland berichten, wobei auch die
deutsche Ausgabe der Financial Times Interesse
an einer Zusammenarbeit angemeldet hat.
Journalistische Aufklärung
Ob er mit seiner Arbeit etwas bewirken möchte? Aufklärung
sei zu hoch gefasst für das, was er tue, meint Götz,
aber vielleicht kann ich dazu beitragen, dass die Leser
von einem klar gefassten Urteil zu einer differenzierten Meinung
kommen. Einzelne Artikel könnten aber nicht viel
bewirken. Verkürzungen, zu denen er im Tagesgeschäft
immer wieder gezwungen ist, ärgern ihn ebenso wie der
Trend, alles zu personalisieren. Götz ist ein Meister
des Beschreibens, wobei er sich strikt an das hält, was
er sieht: Ich bemühe mich, Fleisch um die nackten
Fakten zu geben. Seine Reportagen aus den Ländern
an der Grenze zum bombardierten Jugoslawien (Nachbarn
des Krieges) sind im Vorjahr im Styria-Verlag
in Buchform erschienen.
Dabei wurde ihm das Schreiben keineswegs in die Wiege gelegt.
Der Sohn eines Holzindustriellen in Klagenfurt sollte als
ältestes von drei Kindern eigentlich einmal gemeinsam
mit seinem Bruder die Fabrik des Vaters übernehmen. Nach
der Matura in Klagenfurt ging er für ein Jahr in die
USA. Halbherzig besuchte er daraufhin den Abiturientenkurs
an der Grazer Handelsakademie und entschloss sich schließlich,
Jus zu studieren: Geschichte hätte mich mehr interesssiert,
aber Jus war das offenste Studium und ich konnte mich für
keinen Beruf entscheiden. Die Universität hat er
wie einen Schulbetrieb, überzogen mit einem leichten
Grauschleier, erlebt. Nur wenige Professoren konnten ihn begeistern:
Der Völkerrechtler Konrad Ginther fällt ihm dazu
ein und der Rechtsphilosoph Ota Weinberger, dessen Intensität
zu unterrichten ihn begeistert hat. Auch die Vorlesungen von
Peter Schachner-Blazizek sind ihm in guter Erinnerung: Er
konnte die Zusammenhänge in der Volkswirtschaft so vermitteln,
dass auch ein Ignorant wie ich sie kapiert hat.
Beruflicher Quereinsteiger
Weit prägender als die Universität war für
ihn die Katholische Hochschulgemeinde (KHG), die damals von
dem heutigen Kärntner Diözesanbischof Egon Kapellari
geleitet wurde. Götz, der zuvor der Religion eher fern
stand, lernte dort für ihn völlig neue Fragen zu
stellen und Antworten zu suchen, wo er sie früher nie
vermutet hätte.
Kapellari hat als Studentenseelsorger die katholischen Studentenheime
in der Leechgasse und in der Münzgrabenstraße für
Künstler und Nichtkatholiken geöffnet. Ausstellungen
und politische Diskussionen standen auf der Tagesordnung.
Diese Aufbruchstimmung war für viele Grazer Studenten
in den 70er Jahren eine Art Weichenstellung für ihr weiteres
Leben. So auch für Götz, der sich nicht nur ein
besonderes Interesse für Kunst, sondern auch eine hohe
Toleranz für Andersdenkende bewahrt hat. Sein Hobby aus
der Studienzeit, das Bratsche-Spiel (trotz meiner Überalterung
wurde ich an der Landesmusikschule in Graz noch geduldet),
übt er heute allerdings kaum noch aus.
Von der Pike auf
Zum Journalismus ist er dann nach dem Zivildienst und ersten
beruflichen Versuchen als Pastoralassistent per Zufall geraten.
Er werkte als Mitarbeiter der Katholischen Hochschulgemeinde
in Klagenfurt, als ihn 1984 ein Redakteur der Kleinen
Zeitung für sein Blatt in Graz anheuerte: Ich
hatte keine Ahnung von dem Job, konnte keinen geraden Satz
schreiben. Die Geschwindigkeit des Produzierens und
die Sprunghaftigkeit bei den Themen waren ihm, der die Dinge
gern hinterfragt und reflektiert, am Anfang fremd und unangenehm.
Um das Handwerk von der Pike auf zu lernen, wechselte er vom
Ressort Innenpolitik ins Lokale. Dann wurde es ihm dort aber
doch zu eng. 1990 ging er für ein knappes Jahr nach Prag:
Ich wollte vom Wandel im Osten noch was mitbekommen.
Wir haben Stadlbrände abgehandelt, während sich
die Welt verändert hat. Götz lernte Tschechisch
und beobachtete, wie sich das Prager Alltagsleben auf die
Marktwirtschaft einstellte.
Nach Graz kam er nach dem Sabbatical nicht mehr
zurück. Der frühere Chefredakteur der Kleinen
Zeitung, Fritz Csoklich, wollte ihn als künftigen
Ressortleiter in der Wiener Redaktion aufbauen. Zwei Jahre
lang arbeitete er dort an der Seite der inzwischen verstorbenen
Journalistenlegende Kurt Vorhofer: Das war eine andere
Art des Journalismus als in Graz. Vorhofer hat wenig geschrieben,
aber viel gesammelt. Seit der Zeit schreibt Götz
ein Tagebuch, in dem er nicht nur Persönliches zu Papier
bringt, und sammelt Karikaturen.
Jodelnde Älpler
Die Nachfolge Vorhofers hat er nie angetreten. Bevor der Posten
zur Disposition stand, ging er zur Presse. Dort
gestaltete er unter dem Chefredakteur Michael Maier mit dem
jungen Layouter Lukas Kircher die Wochenendbeilage Schaufenster
um. Er war mit Maier freundschaftlich verbunden und bald nach
dessen Abgang nach Berlin nahm er selbst wegen unüberbrückbarer
Zerwürfnisse mit der neuen Führung
den Hut.
Zurzeit versucht Götz nicht nur, seinen deutschen und
österreichischen Lesern die italienische Situation näher
zu bringen. Er wird laufend zu Diskussionen eingeladen, um
den Italienern die Lage in Österreich zu erklären:
In den italienischen Fernsehberichten werden wir als
jodelnde, grenzdebile Älpler gezeigt, die kaum den rechten
Arm herunten halten können. Da dann aber doch bei
vielen Italienern die Neugierde stärker ist als die Vorverurteilung,
findet Götz immer wieder offene Ohren, wenn er von der
Komplexität der österreichischen Innenpolitik spricht.
Schließlich wissen seine italienischen Zuhörerinnen
und Zuhörer aus eigener Erfahrung sehr genau, wie schwierig
es ist, mit faschistischen und kommunistischen Gruppierungen
umzugehen.
Elisabeth Welzig