Mittwochabend,
Ende Jänner, Romanistik-Institut, Wallgebäude: Aus
der kleinen Bibliothek dringt Gitarren-Tremolo, Gelächter,
dann erneuter Stimmeinsatz. Eine fröhliche Runde, die
Fehler nicht tragisch nimmt, das sieht man gleich. Auch Getränke
und spanischer Käse sind aufgetischt vor den etwa 15
Frauen und Männern unterschiedlichsten Alters. Seit 20
Jahren gibt es den Romanistik-Chor, manche Gründungsmitglieder
kommen heute noch jeden Mittwoch zur Probe. Universitätslektor
und Gitarrist Adolf Sawoff bietet Volkslieder der Romania
seit 40 Semestern als Freifach an. Das Interesse vieler Studierender
am Hauschor der Romanisten und Dolmetscher gehe
aber über den Zeugniserwerb hinaus. Manche kommen
immer dann, wenn sie Liebeskummer haben. Bereichert
wird die herzerwärmende Runde jedes Semester um Erasmus-Studenten,
Fremdsprachenlektoren und Hörer anderer Fakultäten.
Ein internationales Kommen und Gehen, das auch im heute etwa
130 Lieder zählenden Repertoire des Chores seine Spuren
hinterlassen hat. Portugiesische Lieder von den Azoren, kreolische
aus Kap Verde finden sich da ebenso wie Chansons von Edith
Piaf, italienische Revolutionslieder oder kubanische Songs.
Andalusische Rhythmen
Besonders gerne spielt Sawoff, der die Lieder für zwei
bis drei Gitarren und Unisono-Stimmen arrangiert und einige
auch selbst komponiert hat, aber die spanische Volksmusik:
Sie ist bis heute besonders lebendig und ausdrucksstark
geblieben, während in Italien zum Beispiel seit je die
Klassik dominiert, analysiert der Romanist, dessen spanische
Frau Maria Luisa den Chor nicht nur immer wieder mit knusprigen
Empanadas verwöhnt, sondern mit ihrem Kastagnettenspiel
auch für andalusische Rhythmen zu sorgen weiß.
Ein Hauch von Süden, Vitalität und Lebensfreude,
das ist es auch, was bei den gelegentlichen Auftritten des
Chores herüberkommt, glaubt Sawoff, der seine
Truppe liebevoll einen chaotischen Singhaufen
nennt. Wer den Chor nach etwas Sangría-Konsum schon
einmal auf einem Romanistik-Fest erlebt hat, wird beides ebenso
liebevoll bestätigen können.
Universitätschor
Szenenwechsel, ein Tag später, Uni-Hauptgebäude,
vor der Aula: Hier geht es ernster zu. Schwarze Gestalten,
die Frauen mit bunten Schals, huschen über den Gang.
Können wir jetzt endlich mit dem Einsingen beginnen?,
dröhnt es aus der Aula. Nervosität macht sich breit:
Der Grazer Universitätschor steht kurz vor
der feierlichen Aufführung von Carl Orffs Carmina
Burana. Anders als beim Romanistik-Chor kommt man hier
nicht ohne Mehrstimmigkeit und stimmlich präzise Solisten
aus. Diese hat man sich übrigens von der Kunstuniversität
ausgeborgt, während die anderen 50 Chormitglieder zu
etwa gleichen Teilen von der Grazer Technik und der Karl-Franzens-Universität
kommen. Der 24-jährige Dirigent Christian Härringer
bringt den Abend trotz grippebedingter Ausfälle bravourös
über die Bühne und erntet zustimmenden Applaus der
fast vollen Aula. Wir nehmen jeden gerne auf, der Freude
am Singen hat, bei Konzerten sollten in Zukunft aber nur jene
singen, die wirklich jede Woche zur Probe kommen, übt
der junge Chorleiter dennoch Selbstkritik. Für zwei CD-Produktionen
und etliche Auslandstourneen hat es immerhin schon gereicht.
Auf diesen Reisen, wie heuer im Herbst nach Spanien und Südamerika,
pflegt man auch den Kontakt zu anderen Universitätschören.
Das nächste Konzert gibt es übrigens im März:
Liszts Via Crucis steht auf dem Programm.
Akustische Grenzgänge
Am Vormittag des nächsten Tages ist die Aula erneut in
der Hand von Schwarzgekleideten. Diesmal sind es junge Magistrae
und Magistri, die anlässlich der Diplomübergabe
ihr spondeo auf den Zepter des Rektors schwören
werden. Die Musik zur Feierstunde kommt dabei aus höheren
Sphären und ist doch irgendwie bodenständig. Am
Balkon der Aula spielt die Postmusik: Aus zwei Posaunen und
zwei Trompeten ertönen vier Fanfaren und dann noch das
Gaudeamus igitur. Von da heroben seh
ich nicht, wer mitsingt, antwortet Trompeter Karl Rappold
diplomatisch auf die Frage, ob der Klassiker von heutigen
Jungakademikern eigentlich noch beherrscht werde. Wie der
Vertrag der Postmusik mit der Uni zustandegekommen ist, weiß
der hauptberufliche Briefumleiter auch nicht. Es is
halt so, seit über 35 Jahren. Und ein paar Hunderter
sinds auch im Monat. Im Juni wird die unter Musikern
nicht besonders beliebte Akustik der Aula gleich mehrmals
schärfer ausgelotet werden: Am 4. Juni spielt das Grazer
Universitätsorchester unter anderem Schuberts 4.
Symphonie, und elf Tage später werden die 60 Blasinstrumente
der Grazer BläserVielharmoniE für gehörige
Resonanz sorgen. Beide Orchester, die aus der steirischen
Kulturszene nicht mehr wegzudenken sind, setzen sich aus Studierenden
und Absolventen von Universität und Technik zusammen.
Sie erhalten sich durch Subventionen von ÖH und Magistrat
und vor allem durch hohen persönlichen Einsatz, wie sich
auch auf ihren Homepages nachprüfen lässt (www.uni-graz.at/services/univ_nahe_org.html).
Phantasie in der Verwaltung
Wem vor lauter Musik die Ohren dröhnen, der betrete die
an die Aula angrenzenden Räume der Zentralen Verwaltung.
Er wird sich plötzlich in einem Reich des Phantastischen
Realismus wiederfinden: Doch nein, nicht das Controlling
nach UOG 93 ist gemeint, sondern farbenfrohe, rhythmisch
strukturierte Mischtechnikbilder an den Wänden, die an
meditative indische Mandalas gemahnen: Kein Uneingeweihter
würde hinter dem Pseudonym MU Universitätsdirektor
Michael Suppanz persönlich vermuten. Much
steht tirolerisch für Michael, ein Relikt aus der Studentenzeit,
als ich zu malen begann, klärt der heute 55-Jährige
auf und nennt als sein Vorbild die Wiener Schule des Phantastischen
Realismus rund um Fuchs, Brauer und Lehmden. In fünf
Einzelausstellungen waren Suppanz Bilder schon zu sehen,
sie erreichen Einzelpreise bis zu 7.000,- Schilling, viele
verschenkt der Hobbymaler aber auch. Wenn der Herr über
ein Verwaltungsbudget von zuletzt 130 Mio. Schilling in seiner
Freizeit malt, geht es ihm auch bewusst um Nicht-Materielles.
Ich kann mich aus Missstimmungen herausmalen, den Uni-Alltag
hinter mir lassen. Phantastisch, diese Kunst!
Sebastian
Ruppe