Kropf und KretinismusDas Schaffen von Nobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg in Graz |
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Für eine größere Darstellung klicken Sie auf die Bilder. ![]() "Merkwürdig, ich hatte nie im mindesten daran gedacht Psychiater zu werden; nie hatte ich ein psychiatrisches Kolleg besucht, kaum einmal ein Lehrbuch der Psychiatrie durchstudiert. Ich glaube aber, es hat dieser etwas übereilte Entschluß weder mir noch der Psychiatrie geschadet." Julius Wagner-Jauregg, Lebenserinnerungen
![]() Der Wiener "Narrenturm", im Volksmund "Guglhupf" genannt, war die erste Anstalt in Europa, die ausschließlich zur Aufnahme von Geistesgestörten erbaut wurde. |
Einer klassischen Beamtenfamilie entstammend wisse er eigentlich nicht, wie er dazu gekommen sei, Medizin zu studieren, meinte Julius Wagner-Jauregg später in der ihm eigenen Selbstironie. |
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Am 7. März 1857 wird Julius Wagner-Jauregg als ältestes von vier Kindern in Wels, Oberösterreich, geboren. Während des Medizinstudiums folgt er dem zufälligen Hinweis einiger Kommilitonen. Er bewirbt sich zu Beginn des Jahres 1883 um eine Assistentenstelle bei Professor Max Leidesdorf an der psychiatrischen Klinik der niederösterreichischen Landesirrenanstalt.
Die Laufbahn eines Wissenschaftlers aus Berufung und Arztes aus Leidenschaft begann: Aus dem "Zu-fallsassistenten" wird rasch ein Dozent für Nervenkrankheiten und Psychiatrie (1885 bzw. 1888) in Wien, ein Professor extraordinarius und Primarius in Graz (1889), ein Ordinarius in Wien (1893) und schließlich, als Krönung seiner wissenschaftlichen Laufbahn, ein Nobelpreisträger für Medizin (1927). Nach den Studien- und Lehrjahren in Wien wird Wagner-Jauregg im September 1889 als Professor extraordinarius und Primarius an das Allgemeine Krankenhaus nach Graz berufen. Er trat damit die Nachfolge Krafft-Ebings an, der in Wien den Lehrstuhl Leidesdorfs übernommen hatte. Äußerst beliebt waren bei den Studierenden seine Vorlesungen in der steirischen Landesirrenanstalt Feldhof, die zwei- bis dreimal im Semester stattfanden und meistens mit dem Besuch der nahegelegenen Brauerei Puntigam endeten. Was die Grazer Klinik anbelangte, kam Wagner-Jauregg in ganz andere Verhältnisse, als er von Wien gewohnt war: Sie war mit einer Nervenklinik verbunden, welche höchstens 30 Betten hatte. Die Räume für die männlichen Geisteskranken waren vormals ein Stall des Grazer Festungskommandanten gewesen, und unter dem Bretterboden floß der Abzugskanal für das gesamte Gebäude mitten durch die Krankenzimmer. Mißstände, die der junge Primarius unverzüglich beseitigen ließ. Den äußerst bescheidenen Stand an Literaturbehelfen nennt Wagner-Jauregg als Ursache seiner bescheidenen Publikationstätigkeit in Graz. Hingegen nahm Wagner-Jauregg in der Steiermark seine in Wien begonnenen Untersuchungen über die Schilddrüsenfunktion im Zusammenhang mit Kropf und Kretinismus wieder auf. Im "Verein der Ärzte Steiermarks" erklärte er im Jahr 1893, daß sich die Erscheinungen des Kretinismus aus dem Fehlen bzw. der Herabsetzung der Schilddrüsenfunktion erklären lassen. Als prophylaktische Maßnahme schlug er vor, in den von Kropf und Kretinismus besonders befallenen Gegenden jodiertes Kochsalz an die Bevölkerung abzugeben. Ein Vorschlag, der zunächst keine Aufmerksamkeit fand und erst in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg zumindest auf regionaler Ebene verwirklicht wurde. Im September 1893 erreicht Wagner-Jauregg das Ernennungsdekret als Nachfolger Krafft-Ebings an der Wiener neurologisch-psychiatrischen Klinik in der niederösterreichischen Landesirrenanstalt. Weitere Stationen seiner beruflichen Laufbahn waren die Psychiatrische Klinik im Allgemeinen Krankenhaus (1902/03), auch hier folgte er wiederum Krafft-Ebing nach. Die Errichtung der Anstalt "Steinhof" am Rande der Stadt Wien schuf Wagner-Jauregg die Gelegenheit für den Ausbau der psychiatrisch-neurologischen Klinik im Gebäude der Landesirrenanstalt. Weniger bekannt ist bis heute Wagner-Jaureggs reformerisches Wirken im Grenzgebiet zwischen Psychiatrie, Gerichtsmedizin und Jurisprudenz. Seine Ideen und Reformvorschläge beeinflußten nachhaltig diese Bereiche: Aus seinen Bemühungen zur Reform des Irrenwesens resultierte eine höchst modern anmutende Entmündigungsordnung, die dem Rechtsschutz Geisteskranker diente und ungerechtfertigte Internierungen in Irrenanstalten besser verhindern half. Auch der Terminus "bedingte Zurechnungsfähigkeit", der grundlegend bei der Beurteilung von Kriminellen wurde, geht auf Wagner-Jauregg zurück. Er schlug auch vor, kriminelle Psychopathen in einer Einrichtung zwischen Gefängnis und Irrenanstalt unterzubringen. Schon die Weisheit großer Ärzte des Altertums wies in die Richtung, daß fiebrige Infektionskrankheiten heilende Wirkung haben konnten. Auch kannte Wagner-Jauregg zweifellos den merkwürdig anmutenden Hinweis des Franzosen Jean-Etienne-Dominique Esquirol, der bereits 1838 festgestellt hatte, daß epidemische Krankheiten einen beträchtlichen Einfluß auf Geisteskrankheiten ausübten, ja sie in vereinzelten Fällen sogar aufhören ließen. Die Beobachtung einer Geisteskranken, die durch eine zufällig hinzugetretene fieberhafte Erkrankung geheilt wurde, legte 1883 den Grundstein für seine erfolgreiche Paralysebehandlung. Schon 1887 überblickte er mehr als 200 Fälle, die seine Überzeugung festig-ten, gewollte fieberhafte Krankheiten - er dachte schon damals vor allem an Malaria und Erysipel - in der Therapie von Psychosen einzuführen. Noch impfte er bei seinen therapeutischen Versuchen an Paralytikern vor allem das 1890 von Robert Koch entwickelte Tuberkulin, aber nach vorübergehender Besserung kam es häufig zu Rückfällen. Wagner-Jauregg griff schließlich bei der Behandlung einer der trostlosesten Krankheiten, der progressiven Paralyse (Dementia paralytica), also der fortschreitenden Gehirnerweichung als Folge der Syphilis, auf seinen alten Vorschlag aus dem Jahr 1887 zurück: statt eine Infektionskrankheit nachzuahmen, diese selbst hervorzurufen. Am 14. Juni 1917 impfte Wagner-Jauregg erstmals zwei Paralytiker mit dem Blut eines Malariakranken und besiegte damit deren heimtückische Krankheit. Welch Tollkühnheit der Idee, welch Vermessenheit ärztlichen Handelns! Nicht nur in den Augen von medizinischen Laien, auch nach Meinung vieler Fachkollegen grenzte eine solche Vorgangsweise geradezu ans Verbrecherische. Als Wagner-Jauregg für seine bahnbrechende Behandlungsmethode bereits im Jahr 1924 für den Nobelpreis in Aussicht genommen wurde, lehnte es der Stockholmer Psychiater Gadelius strikt ab, ein derartiges Tun auch noch auszuzeichnen. Aufgrund der anhaltenden und unbestreitbaren Erfolge der "Malariatherapie" wird im Jahr 1927 Wagner-Jauregg der Nobelpreis für die Entdeckung der therapeutischen Bedeutung der Malaria-Einimpfung zur Behandlung der progressiven Paralyse verliehen. Nach seiner Pensionierung im Juli 1928 widmet er sich weiter der Verbesserung der Malariatherapie. Er starb im September 1940. In seinen Händen soll er Goethes "Faust" gehalten haben, dessen Verse er fast lückenlos beherrschte. |
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