Hochgebirgskartografie - Schwerpunkt Alpenvereinskartografie


1. Kartographie in der Schweiz

Die Schweizer sind sicherlich nicht nur für ihren hervorragenden Käse und Schokolade bekannt, sondern auch für ihre ausgezeichneten Karten, die das Bundesamt für Landestopographie in Wabern bei Bern herstellt.

Schon seit 1845 gibt es genaue Karten der Schweiz, worin unter anderem das Gelände mit Schrafen dargestellt wurde - die so genannte Dufourkarte. 25 Jahre später folgten Karten mit Höhenlinien und bereits im Maßstab 1: 50 000 in den Alpen und 1: 25 000 im Mittelland. Dies geschah in einer Zeit, als im Ostalpenraum die Alpenvereine gegründet wurden und die AV-Kartographie noch in den Anfängen war.

Vor allem die exakten geometrischen Darstellungen der Schweizer Karten im Hochgebirge spielten immer schon eine Vorreiterrolle für die Kartenwerke des übrigen Alpenraums. Seit der Verwendung von Luft- (1930) und Satellitenbildern (1987) im Bereich der kartographischen Gestaltung ist nicht nur die geometrische Genauigkeit, sondern auch die zeichnerische Anschaulichkeit stark verbessert worden. Gerade bei der Reliefzeichnung, Fels- und Schuttdarstellung, die heute noch zum schwierigst herzustellenden Teil der Karte zählen, werden noch immer hohe Ansprüche an den Hersteller gestellt.

Einige Beispiele der Felsdarstellung der Schweizer Karte:
  • Kontrastwirkung durch NW-Beleuchtung mit drei Schattierungsstufen (hängt von Licht/Schattenseite ab)
  • Unterschiedliche Strichstärken für Ober- und Unterkanten der Felsbänder (Strichstärke hängt wiederum von der Exposition ab)
  • Strichführung ist leicht zittrig
  • Bei der Gerölldarstellung wird die Kornform verändert, und die Blockgröße nimmt generell nach oben ab. Auch die Schuttanordnung befindet sich entlang der Fallinie

Heutzutage bewältigt man die Hauptarbeit der Kartographie digital. Durch verschiedene Programme gelangt man zu zufrieden stellenden, geometrisch exakten Daten, die für die Herstellung von kartographischen Produkten von äußerst hohem Wert sind.

Aus der Sicht der Benützer bieten die Landeskarten der Schweiz (LK) viele Vorteile, denn es gibt unter anderem auch ein großes Angebot an unterschiedlichen Themenkarten. So bietet die Landestopographie neben den "gewöhnlichen" LK 25, LK50, LK 100, LK 200..., auch Wander-, Schitouren-, Museen-, Burgenkarten und viele weitere Karten mit anderen thematischen Schwerpunkten an, die jedoch wenig mit der Hochgebirgskartographie zu tun haben. Der Benützer findet sich mit einer LK leicht zu recht, denn Anweisungen fürs Kartenlesen befinden sich auf der Rückseite jeder Karte.

Nicht nur die Felszeichnung ist sehr genau und anschaulich, sondern auch die morphologische Darstellung. Ein weiterer kleiner Hinweis, der die kartographische Darstellung des Hochgebirges kennzeichnet, ist die Farbänderung der Höhenlinien (im Felsbereich schwarz und im übrigen Bereich braun).

Die Schweizer Karte hat mit ihrer hohen kartographischen Qualität auch ihre Nachbarländer stark beeinflusst und wohl auch beeindruckt. Dies ist der Grund, warum sie hiermit ausführlicher behandelt wurde als die österreichischen Karten.


2. Kartographie in Österreich

Auf die geschichtliche Entwicklung der amtlichen österreichischen Kartographie wird hier nicht näher eingegangen, jedoch beschreibt sie unter anderem recht ausführlich das Bundesamt für Eich- und Vermessung in einer Publikation 1970.

Die amtliche Kartographie verwendet seit 1949 Luftbilder und seit 1976 Satellitenbilder.

Ein wesentlicher Unterschied zu den Schweizer Karten ist der, dass die Schweizer die LK 1: 25 000 als kartographische Basiskarte haben, und die Österreicher die ÖK 1: 50 000. Das heißt, daß die LK dadurch eine wesentlich feinere, geometrisch genauere Darstellung hat, als die ÖK25V, denn diese ist nur eine Vergrößerung der ÖK50. Jedoch zählen die Arbeiten und Werke des Bundesamts für Eich- und Vermessung auch zu den führenden Europas.

Auch sind die Felszeichnung und die Morphologie im Hochgebirge in Braun gehalten. Bei der Schuttdarstellung gibt es ebenfalls eine Veränderung der Kornform und sie gliedert sich auch entlang der Fallinie. Die Felszeichnung an sich ist nicht sehr klar und wenig geometrisch exakt. Zum Beispiel sind kleinere morphologische Formen schlecht erkennbar. Ohne die Hilfe der Höhenlinien, allein nur durch die Felszeichnung kann man kaum Rinnen, Türme u.v.m. erkennen. Die österreichischen Karten haben auch eine NW-Beleuchtung, die diePlastizität unterstützt.

Das Bundesamt für Eich- und Vermessung gliedert seine Karten nicht so zahlreich in thematische Gruppen wie die Schweiz. So bietet es "nur" Karten mit Wegemarkierungen oder Straßenaufdruck an. Bei der Karte mit Wegmarkierung (ÖK 25V, ÖK50) gibt es allerdings kaum zusätzliche Informationen für Wanderer und Bergsteiger, zum Beispiel ob es sich um eine Alpenvereins- oder um eine Naturfreundehütte handelt ( die LK machen dies).

Die Hochgebirgsituation wird in den österreichischen Karten sehr gut dargestellt; in der ÖK 50 auch geometrisch exakt. Ihre kartographische Darstellung ist sehr anschaulich und gut lesbar. Allerdings ist sie noch ausbaubar in ihrer kartographischen Gestaltung. Aber mit Hilfe von EDV-mäßigen Bearbeitungen wird dies sicherlich in nächster Zukunft geschehen.


3. Kartographie des Alpenvereins

Die AV-Kartographie ist ein wichtiger Bestandteil der Hochgebirgskartographie geworden. Sie hat nicht nur eine hohe kartographische Qualität, sondern hat auch immer den Benützer und deren Anforderungen stark in ihre Arbeiten integriert. Die AV-Kartographie mit ihrer Geschichte und Entwicklung wird nach Arnberger (1970) in 5 Perioden gegliedert:

3.1. Frühzeit der AV-Kartographie 1862-1891

  • Reliefdarstellung durch Böschungsschraffen
  • Ab 1874 Entstehung von Schattenschraffen unter SE-Beleuchtung
  • Ab 1879/1891 Schraffenzeichnung unter senkrechter Beleuchtung

3.2. Reliefkartenperiode 1892-1900

  • Entstehung von mehrfärbigen Karten
  • Schattenschraffen unter NW-Beleuchtung
  • Basis: staatliche Aufnahmen ; zum Teil nicht ausreichend

3.3 Klassische AV-Kartographie 1900-1936

  • Grundlage sind die staatlichen Vermessungen
  • 3-färbige Karten
  • Naturnahe Fels- und Geröllzeichnung unter einer fast senkrechten Beleuchtung
  • Ab 1930 vereinzelt Höhenlinien in Felszeichnung eingefügt

3.4. Periode der Höhenlinien im Fels 1937-1974

  • Erhaltung und Integration der Höhenlinien durch photogrammetrische Auswertungen in der Felsdarstellung
  • Kombination der Höhenlinien mit eine Haarstrichfelszeichnung nach Ebster
  • Haarstriche variieren je nach Lage, Neigung und Richtung der Felsfläche
  • Haarstrichschraffur ordnen sich den Höhenlinien unter

3.5. Periode der geometrischen integrierten Felsdarstellung ab 1969>

  • Ergänzung durch Scharungsplastik nach Brandstätter
  • Kantenlinien und –zeichnungen kennzeichnen Windungen, Knicke und Sprünge der Höhenlinien in Felsflächen
  • Struktur und Gefügezeichnung wirkt ergänzend in Flachbereichen, Karst und Gletscher
  • Ziel: Erhalt der hohen Geometriegenauigkeit der photogrammetrischen Auswertung mit guter Anschaulichkeit

3.6. AV-Kartographie heute

Eine absolut eigenständige Kartographie kann sich der Alpenverein nicht leisten. Dadurch entstehen Karten oft durch den Zusammendruck und die Überarbeitung mit amtlichen Karten. Hierbei muss man bei einigen unterscheiden, ob es sich im Bereich über, oder unter der Baumgrenze handelt.

Unter der Baumgrenze

Die kartographische Gestaltung wird komplett von den amtlichen Karten übernommen. Es werden zusätzliche Ergänzungen, die für den Benützer von AV-Karten wichtig/notwendig sind, vorgenommen. Zum Beispiel Eintragung und Hervorheben von Wegen und Wegweisern, Hütten, morphologischen Formen, zusätzlichen Namen und Bezeichnungen.

Über der Baumgrenze

Für die Darstellung des Hochgebirges verwendet der Alpenverein eigene Luftbilder und somit eigene Auswertungen und Interpretationen. Es handelt sich um eine absolut eigenständige Kartographie, die sich stark von der amtlichen unterscheidet:

  • Höhenlinien und Geröllzeichnungen im Felsbereich sind schwarz
  • Felsdarstellung wird mit Schraffen und Ober/Unterkante in Schwarz dargestellt
  • Zusätzliche Eintragungen von morphologische Formen ( Steilstufen, markante Felsen
  • u.s.w.)
  • Weitere Eintragungen von Höhenkoten
  • Kontinuierliches Durchnummerieren von Höhenlinien ( alle 100-er Linien)

Die Hauptaufgabe der AV-Kartographie ist nicht die Neuherausgabe von Karten, sondern die ständige Betreuung und Aktualisierung. Dafür sind insgesamt 4 Kartographen, 2 in Innsbruck und 2 in München, zuständig. Man bemüht sich, auch den modernen Ansprüchen einer Karte gerecht zu werden. Zum Beispiel durch das Einfügen des UTM-Gitters für die Verwendung von GPS.

Auch gibt es die Überlegung, die AV-Karten auf einer CD-Rom anzubieten, um mit dem Angebot der amtlichen kartographischen Produkte mitzuhalten. Jedoch klaffen hier die kartographischen Gestaltungen der einzelnen Kartenblätter in ihrer Uneinigkeit stark auseinander. Denn durch die unterschiedliche Entwicklung und zeichnerische Darstellung der AV-Karten müssen sie vor der Präsentation der CD-Rom auf ein gemeinsames kartographisches Niveau gebracht werden. Die LK 100 gibt es auf CD ( swiss top 100). Das Bundesamt für Eich- und Vermessung hat soeben 2 CD-Rooms herausgebracht (Austrian Map), wo neben die ÖK50, die Ök200 und die ÖK 500 flächendeckend für das gesamte Bundesgebiet angeboten werden.


4. Ausgewählte thematische Aspekte der Hochgebirgskartographie

4.1. Gletscherdarstellung

Da die Gletscher sich seit 1850 zurück ziehen, kann die Kartographie die ständigen Veränderungen nur schlecht bearbeiten. So sind die Gletscherstände in den Karten in der Regel viel zu alt und das neue Umland, das beim Gletscherrückzug entsteht, ist somit in den Karten nicht enthalten. Bei der Aktualisierung der Karten versucht man, mit Hilfe von Luftbildern gerecht zu werden. Jedoch kann man teilweise auf jenen Bildern nur schlecht erkennen, ob es sich um Gletschereis, Toteis oder um schuttbedecktes Eis handelt.

Es verändern sich schließlich nicht nur die Länge, Breite und Tiefe eines Gletschers, sondern auch die Spalten. Dies ist vor allem für Bergsteiger von großem Interesse. In den Karten werden Gletscherwege über unaktuelle, nicht lagerichtige Spalten gezeichnet. Gerade wenn Schnee die Spalten auf den Gletschern bedeckt, kann es problematisch werden. Man verlässt sich eben gerne auf Routen, die in Karten angegeben werden. Man könnte nun Gletscherwege ganz weglassen, dann würde sich der Bergsteiger an den zeichnerisch dargestellten Spalten orientieren. Die wiederum entsprechen nicht dem tatsächlichen Zustand.

Aber neben der Bergsteigerwelt hat auch der Glaziologe ein Bedürfnis einer naturtreuen Gletscherdarstellung in einer Karte. Das Bundesamt für Landestopographie in der Schweiz bietet zum Beispiel eine Spezialkarten an, wo alte Gletscherstände ( postglazial und auch 1850), Permafrost, glazial morphologische Formen ( Moränen) eingetragen sind. So gibt es doch Anforderungen an die glaziale kartographische Gestaltung. Eine räumliche, dreidimensionale Darstellung, wo man die glazialen Prozesse gut erkennen kann, wäre eigentlich durch das digitale Geländehöhenmodell, das von der amtlichen Kartographie angeboten wird, möglich. So könnte man zum Beispiel den genauen Umriss und die Abgrenzung von Gletschern zu ihrem Umland definieren. Auch könnte man neu gewonnene Daten und Messergebnisse digital und flächendeckend in solch ein Modell integrieren.

4.2. Lawinen

In den vergangenen 20 Jahren sind in Österreich 476 Personen bei Lawinenunfällen ums Leben gekommen. Eine mangelnde Kenntnis der Lawinenkunde und auch eine schlechte Tourenplanung sind Grund dafür. Jedoch kann für eine bessere Tourenplanung die Kartographie unterstützend wirken.

Ab einer Hangsteilheit von ca. 25° gehen Lawinen bei den entsprechenden Schnee- und Witterungsverhältnissen ab. Die Steilheit kann man mit Hilfe des Böschungsmaßstabes aus einer Karte entnehmen. Allerdings ist eine exakte Hangneigung nicht möglich (Gradabweichung bis zu 5°). Mit der Hilfe der digitalen Kartographie kann man Linien/Flächen gleicher Hangneigungen graphisch darstellen.

Auch die Exposition spielt bei der Lawinenkunde eine große Rolle. Die meisten Lawinen gehen in N bis E exponierten Hängen ab. Diese sind also die gefährlichsten Hangbereiche. Die Exposition ist einfach und exakt aus einer Karte zu entnehmen.

Ebenso sind Geländeformen ein sehr wichtiger Aspekt für ein sicheres Verhalten bei einer winterlichen Bergtour. In Mulden, Rinnen also in Hohlformen befindet sich häufig Triebschnee (der Lawinen bildend ist), weshalb diese Geländeteile zu vermeiden sind.

Dagegen sind Rücken, Grate, Kämme, also Vollformen ein relativ sicheres Gelände. All diese Formen kann man aus einer Karte interpretieren. Hierbei ist die Schweizer LK wieder ein gutes Beispiel für eine gelungene kartographische Gestaltung, die den Anforderungen des Benützers gerecht wird. Die LK- Schitourenausgabe zeigt Aufstiege, Abfahrten und Routen mit zusätzlicher Gefahr. Die Touren sind nummeriert und ident mit dem dazugehörigen SAC-Schitourenführer, der die jeweiligen Touren genau beschreibt. Zusätzliche Funktionen die in der LK- Schitourenausgabe vermerkt sind: zugängliche Hütten und Gasthäuser, mit oder ohne Telephon; Haltestellen des Öffentlichen Verkehrs.

Auf der Rückseite jeder Karte befinden sich Informationen über Lawinenkunde und das dazugehörige Verhalten, Erste Hilfe, Hüttenliste, wichtige Telephonnummern u.v.m.. Dies könnte die AV-Kartographie in ihren Arbeiten übernehmen. Mit einer LK-Schitourenausgabe ist das Tourenplanen wesentlich leichter.

4.3. Fremdenverkehrsentwicklung in Obergurgl

In dieser Karte (siehe Anhang) wird nur gezeigt, was passiert, wenn man die AV-Karte von 1949 mit der AV-Karte von 1993 vergleicht. Als Themenschwerpunkt bietet sich die touristische Entwicklung gut an. So erkennt man, dass nicht nur Lifte, Hütten und vereinzelt neue Wohnhäuser entstanden sind, sondern in diesen 44 Jahren ist ein komplett neues Dorf mit Kirche und eigener Straße entstanden.

Hierbei geht es nur um einen kartographischen Vergleich, der zeigen soll, dass man viele thematische Aspekte und Inhalte aus einer Karte entnehmen kann.


5. Literatur

ARNBERGER.E. 1970, Die Kartographie im Alpenverein Wiss. AV-Heft 22, München, Innsbruck, S 253
BUNDESAMT FÜR EICH- UND VERMESSUNG 1970, Die amtliche Kartographie Österreichs, Wien, S 210
MITTEILUNGEN DES DEUTSCHEN ALPENVEREIN 1999, DAV-Panorama, Heft Oktober, München
MITTEILUNGEN DES ÖSTER. ALPENVEREIN; 1991, Heft 1, Innsbruck, verschiedene Beiträge
WIENER SCHRIFTEN ZUR GEOGRAPHIE UND KARTOGRAPHIE, 1998, Bd.11, Wien, verschiedene Beiträge
http://www.bev.gv.at
http://www.swisstopo.ch
http://www.oeav.at

© 1999 Giselheid NEUNTEUFL, Institut für Geographie und Raumforschung, Karl-Franzens-Universität Graz