Naturgefahren in Kärnten, Tirol, Südtirol und Graubünden


1. Bergstürze

Bergstürze sind Fels- und Schuttbewegungen, die mit hoher Geschwindigkeit aus Bergflanken niedergehen und im Ablagerungsgebiet ein Volumen von über eine Million m³ besitzen oder eine Fläche von über 0,1 km² bedecken. Kleinere Bergstürze werden als Felsstürze bezeichnet.

Bergstürze sind das Endglied einer Steigerungsreihe, die beim Steinschlag beginnt. Durch den fehlenden inneren Zusammenhalt und das Vorhandensein durchgehender Trennflächen bewegt sich das Gestein der Schwerkraft folgend rasch nach unten.

Am häufigsten begegnet man Bergstürzen in den Nördlichen und Südlichen Kalkalpen, wo man eine Dichte von 0,65 bzw. 1,12 pro 1000 km² vorfindet. Diese entspricht in den Nördlichen Kalkalpen einer Fläche von 0,38 %, in den Südlichen 0,43 %. Daraus lässt sich leicht ableiten, dass zwar mehr Katastrophen im Süden stattfanden, die größeren aber im Norden.

Betrachtet man die gesamten Alpen, kann man eine Abnahme der Bergsturzdichte gegen die östlichen Ostalpen und gegen die südlichen Westalpen feststellen, wohl wegen der in derselben Richtung abnehmenden Reliefenergien. Am meisten betroffen sind dabei die Schweizer Kalkalpen, die mit 1,69 % ihrer Fläche mit Bergstürzen respektive deren Ablagerungen bedeckt sind. In den Dolomiten ist zwar die Felssturzdichte erstaunlich hoch, es handelt sich dabei meist aber um kleinere Bewegungen.

Das Besondere an Bergstürzen sind einerseits die Abbruchnische und andererseits die Akkumulationsfläche, die chaotisch mit Gesteinstrümmern aller Größen und Formen übersät ist. Auch nach Jahrtausenden erkennt man eine Tomalandschaft relativ leicht im Landschaftsbild. Das Ablagerungsgebiet weist meist scharfe Grenzen zu seiner Umgebung auf, und außerdem findet man ein kleinhügeliges Relief vor. Dieses Relief spiegelt sich dann in einer großmaßstäbigen Karte durch eine unregelmäßige und scheinbar chaotische Isohypsenführung wider.

Den größten Nachteil eines solchen Gebietes stellt die äußerst eingeschränkte Nutzbarkeit dar; es kann eigentlich darauf nur wenig rentable Forstwirtschaft betrieben werden (schlechte Erreichbarkeit, langsamer Wuchs), oder man errichtet einen Steinbruch oder eine Schottergrube.

Schwierig gestaltet sich oft die Angabe von Größe (bezogen auf das Volumen) und Alter der Bergstürze. Sowohl die Ermittlung des Hohlvolumens im Abbruchgebiet als auch die des Rauminhaltes der abgelagerten Trümmermassen können teilweise nur geschätzt werden. In erster Linie setzt die fluviatile Erosion den Trümmermassen zu, indem sie diese immer weiter abbaut und verlagert.

Die größten Bergstürze bestehen durchwegs aus Sedimentgestein (Kalk, Dolomit), weil dieses Gestein Spannungen länger standhalten kann; bei zu großer Belastung geschieht demnach ein umso größeres Ereignis.

Das Alter kann trotz neuester Datierungsmethoden oft nur näherungsweise angegeben werden. Praktisch alle Bergstürze ereigneten sich im Spät- und Postglazial (die meisten im Postglazial, viele auch in historischer Zeit). Die Ursache liegt in der Eisfreiwerdung der Täler, da nun den Bergflanken der nötige Druckausgleich fehlte. Demnach sind bei fast allen Ereignissen die Konturen des Ablagerungsgebietes gut feststellbar, da keine Ausräumung durch neuerliche Gletschervorstösse stattfand.

Zur Flächenangabe wäre noch hinzuzufügen, dass sich diese einerseits durch das Volumen, andererseits durch die Vorform ergibt. Bei einem engen Talraum entwickelt sich ein mächtiger Bergsturzkörper mit relativ kleiner Fläche, bei Talweitungen sind die Trümmer flach gelagert und auf relativ großer Fläche verteilt. Insgesamt findet man in den Alpen 14 Bergstürze, die mehr als 10 km² Fläche aufweisen.

1.1. Der Dobratsch-Bergsturz

Ausgelöst wurde diese Katastrophe am 25. Jänner 1348 durch ein Erdbeben. Ein Bergsturzvolumen von 30 Millionen m³ bedeckte ein Gebiet von rund 7 km². Es sollen dabei 1500 bis 2000 Menschen durch die direkten, besonders aber die indirekten Wirkungen des Ereignisses getötet worden sein. Diese 7 km² Bergsturzmasse mit durchschnittlich 5 m Höhe reichte aus, um die Gail aufzustauen und somit eine tickende Zeitbombe entstehen zu lassen. Die größere Katastrophe richtete daher nicht der Bergsturz an sich an, sondern erst der Durchbruch der Gail durch die Sturzmassen. Es waren dann weitere 5000 Tote zu beklagen, die in den Fluten den Tod fanden. Heute noch findet man in den Ortsnamen Hinweise auf dieses Ereignis, z.B. "Junge Schütt" oder "Oberschütt" und "Unterschütt".

Zählt man die prähistorischen Bergstürze des Dobratsch zusammen, erstreckt sich eine Tomalandschaft von 24 km² Größe im Gebiet zwischen Villach und Arnoldstein. Bis heute ist es noch nicht gelungen, einen direkten Straßenzugang vom unteren ins mittlere Gailtal zu schaffen, da einerseits die Bergsturzmasse äußerst baufeindlich wirkt und andererseits vermutlich die Gefahr von neuerlichen Sturzmassen noch nicht vollständig gebannt ist.

Abb. 1: Der Dobratsch-Bergsturz und seine nähere Umgebung

1.2. Der Köfels-Bergsturz

Massenmäßig handelt es sich hier um den größten Bergsturz in Österreich. Dabei bewegten sich 2,2 km³ Bergsturzmasse zu Tal und verteilten sich dort auf einer Fläche von 12 km². Auf der gegenüberliegenden Talseite stauten die Felsmassen den Niederthaibach auf, der sich dann ein neues Bachbett suchen musste. Das ursprünglich trogtalförmige Ötztal wurde im Abschnitt zwischen Umhausen und Längenfeld auf einer Länge von 3 km zu einer Schlucht umgestaltet, die heute den Namen Maurach trägt. Eine Auswirkung dieses Bergsturzes, der sich vor etwa 8000 Jahren ereignete, war der Aufstau des Längenfelder Beckens, welches nach der Kanalisierung als Siedlungsgebiet gewonnen werden konnte.

Abb. 2: Köfels-Bergsturz
Abb.3: Profilzeichnung des Köfelsbergsturzes
Abb. 4: Das Ablagerungsgebiet des Köfel Bergsturz von Süden

1.3. Weitere Bergstürze im Ötztal

Nördlich von Umhausen ereigneten sich die Bergstürze von Habichen und Tumpen, die aber beide um mindestens 2 Größenordnungen kleiner sind als jener von Köfels. Zwischen Habichen und Tumpen muss heute eine 80 Meter hohe Steilstufe überwunden werden, die das Resultat des Bergsturzes darstellt.

Generell kann gesagt werden, dass das Ötztal auf Grund der eben erwähnten Bergstürze ein extrem unregelmäßiges Talquerprofil besitzt und im Postglazial die Zugänglichkeit des hinteren Ötztales vom Inntal aus kaum möglich war. Die Besiedelung um das heutige Sölden erfolgte daher über die eisbedeckten Jöcher von Süden aus und nicht durch die Schluchten des mittleren Ötztales.

1.4. Der Tschirgant-Bergsturz

Bis vor kurzem war noch immer nicht restlos geklärt, wann genau dieses Ereignis stattfand. Man glaubte zuerst an einen Meteoriteneinschlag vor 9000 Jahren, der eine ganze Serie von Bergstürzen ausgelöst haben könnte. Nach eingehenden Untersuchungen wurde aber auch hier der Gletscherrückgang respektive der fehlende Gegendruck als Auslöser festgestellt und das Alter mit 3000 Jahren datiert.

Die Bergsturzmasse bedeckt eine Fläche von 13 km² und ist somit sogar größer als jene von Köfels, das Volumen beträgt aber nur 240 Millionen m³. Zweigt man heute vom Inntal ins Ötztal ab, durchquert man diese Tomalandschaft, die heute nur einen monotonen Kiefernwald trägt und für weitere Nutzungen unbrauchbar ist.

Abb. 5: Der Tschirgant Bergsturz von Südosten

1.5. Weitere Bewegungsformen im Hochgebirge

1.5.1. Rutschungen

Im Gegensatz zu Bergstürzen, die rein nur die gravitative Komponente beinhalten, gleiten bei Rutschungen wasserdurchtränkte Lockersedimente auf Gleitbahnen hangabwärts; somit spielt die fluviatile mit der gravitativen Komponente zusammen. Rutschungen treten vor allem an Hängen mit hohem Ton- und Schluffanteil auf. Dieses Material verliert nach längeren Regenfällen bzw. der Schneeschmelze den Halt zum Untergrund; das Resultat bildet eine halbkreisförmige Abrissnische. Rutschungen erreichen Geschwindigkeiten von wenigen cm/Jahr bis 3 m/sec; sie treten sowohl an bewachsenen als auch an vegetationslosen Hangabschnitten auf, wobei die Neigung nicht die entscheidende Rolle spielt, sondern die Wasserdurchtränkung und die verminderte Reibung.

1.5.2. Kriechen

Beträgt die Geschwindigkeit nur mehr wenige mm/Jahr, so spricht man von einer Kriechbewegung. Erkennbar sind solche Bewegungen am Säbelwuchs von Bäumen und am Abbiegen von Gesteinschichten nach oben.

Auch Sackungen sind sehr langsame Prozesse, die entstehen, wenn das interne Gesteinsgefüge gelockert wird. Im Extremfall können ganze Talflanken betroffen sein. Als Effekt entsteht ein Talzuschub. Sackungen treten häufig an Störrungslinien auf, so auch zum Beispiel im Bereich des Kärntner Naßfeld.


2. Muren

2.1. Allgemeines

Muren sind deshalb so gefährlich, weil sie ähnlich einem Bergsturz spontan auftreten und sehr rasch ablaufen. Voraussetzungen für das Auftreten von Muren sind einerseits Lockermaterial und andererseits Starkregenfälle oder rasche Schneeschmelze. Es spielen bei diesem Prozess sowohl die gravitative als auch die fluviatile Komponente eine Rolle.

Muren nehmen ihren Ausgang meist von unbewaldeten Steilhängen im Hochgebirge, bewegen sich dann durch Wildbach- oder Lawinenrinnen talabwärts und entwickeln dabei eine ungeheure Zerstörungskraft. Bäume und kleinere Häuser können durchaus mitgerissen werden; zum Stillstand kommt eine Mure oft erst nach einigen km. Am Ende ihrer Bahn lagert die Mure das mitgeführte Material in einem ungeschichteten Murensedimentkegel ab. Entscheidend dabei ist, daß Muren innen weiter rinnen als außen und der Murkegel eine konvexe Oberfläche aufweist. Sollte später eine Mure dasselbe Murbett benützen, erfolgt daher im Depotgebiet eine Ablenkung zur Seite.

Das Alter von Muren kann als generell jung bezeichnet werden (Postglazial). Sie gehören demnach noch zu den rezenten Naturkatastrophen.

Zur Stabilisierung von Hängen dienen folgende Methoden:

  1. Aufforstung
  2. Entwässerungsanlagen und Drainagen
  3. Stützverbauungen mit Stahlbeton
  4. Verbauung von Linearerosionseinschnitten mit Steintreppen
  5. Befestigung der Rutschmasse mit Rammpfählen

Murkatastrophen ereigneten sich besonders häufig in jener Zeit, als ganze Wälder zu verschiedenen Zwecken abgeholzt wurden und somit der natürliche Schutz verloren ging.

Interessant scheint, dass Murkegel zwar in den gesamten Alpen auftreten, dort aber gehäuft vorkommen, wo der Niederschlag geringer ausfällt. Daher muss die Niederschlagsverteilung stimmen: die Niederschlagsdichte (= Menge pro Ereignis) muss nämlich hoch sein.

2.2. Der Vinschgau und seine Kegel

Speziell für den Vinschgau treffen die vorher gesagten Prämissen zu. Das Resultat bilden zahlreiche Mur- und Schwemmkegel, die ganz besonders die Formenwelt dieses Tales prägen. 70 % des Talbodens, das entspricht 85 km², sind von solchen Kegeln geprägt. Damit verbunden sind mehrere natürliche Stauseen und ein Talbodenlängsprofil mit mehreren Stufen.

Abb. 6: Schwemmkegel bei Tabland im Mittelvinschgau von Südwesten

Im Unterschied zu Murkegel sind Schwemmkegel konkav geformt, ihre Entstehung erfolgt kontinuierlich, die Oberfläche ist somit ruhiger geformt und glatt, und sie sind weniger steil als Murkegel.

Besonders ins Auge stechen dabei der Kegel der Gadriamure bei Schlanders, der sich über 10,68 km² Fläche erstreckt und dabei 430 m Höhendifferenz aufweist, und die Malser Heide, mit 13,25 km² Fläche und 820 m Höhe der größte Schwemmfächer der Alpen. Hier zeigt sich, dass je kleiner und steiler das Einzugsgebiet ist, desto größer der Kegel sein muss.

Abb. 7: Die Malser Heide von Norden

Obwohl alle Kegel aus Lockermaterial bestehen und sich durchaus noch nicht in Ruhe befinden, dienen sie vermehrt als Standort von Siedlungen. In vielen Fällen sind sie besser hochwassergeschützt als der tiefer liegende Talboden.

Die großen Mur- und Schwemmkegel des Vinschgaues sind nicht nur landschaftsbestimmend, sie fungieren gleichsam auch als Kulturraum- und als Klimagrenze. So trennt die Malser Heide den Ober- vom Mittelvinschgau und die Gadriamure den Mittel- vom Untervinschgau.

Eine spezielle Kegelsituation findet man im Pustertal vor. Der Kegel des Toblacher Feldes bedingt heute, dass der Sextenbach nicht mehr nach Westen zur Rienz entwässert, sondern in Innichen quasi "ums Eck fließt" und seine Wasserspende dem Schwarzen Meer zugute kommt. In Passlagen können demzufolge Schwemmkegel als Wasserscheide auftreten.


3. Vorstöße der Gletscher und Talabsperrungen

3.1. Allgemeines

An sich stellt das Vordringen eines Gletschers keine allzu große Gefahr dar, kritisch wird es erst, wenn der Gletscher ein Seitental absperrt und/oder einen See zum plötzlichen Überlaufen bringt. Da seit rund 150 Jahren die Gletscher mehr oder weniger im Rückzug begriffen sind, kann man hier nicht mehr von einer rezenten Naturgefahr sprechen. Speziell aber während der neuzeitlichen Gletscherhochstandsperiode zwischen 1550 und 1850 verursachten Gletscherausbrüche immer wieder Verwüstungen und zahlreiche Todesopfer.

3.2. Gletschersee-Ausbrüche im Ötztal

Diesbezüglich schwer betroffen und immer wieder von Katastrophen heimgesucht wurde das gesamte Ötztal. Vor allem auf Grund der Aufzeichnungen in der Längenfelder Gemeindechronik weiß man heute ganz genau, in welchen Jahren solche Katastrophen stattfanden. Zu den größeren Katastrophen zählt beispielsweise jene aus dem Jahr 1600, die durch den Vernagtferner ausgelöst wurde. Dieser sperrte das obere Rofental ab, verursachte die Bildung eines Stausees und dessen Durchbruch richtete dann große Verwüstungen an. Zwischen 1676 und 1681 staute der Vernagtferner wiederum die Rofener Ache. Überschwemmungen verursachten daraufhin Ernteausfälle und damit zahlreiche Hungeropfer. Die Folge war eine erbitterte Hexenverfolgung, welcher unschuldige Menschen zum Opfer fielen.

Auch das Gurgler Tal blieb von Katastrophen nicht verschont. 1770 beispielsweise staute der Gurgler Ferner einen See von 40 ha auf, dessen Entleerung eine Verwüstung talabwärts mit sich brachte.

Abb. 8: Der Gurgler Eissee im Jahre 1770

1772 versperrte der Vernagtferner wiederum das Rofental, aber wie durch ein Wunder entleerte sich der See, ohne Schaden anzurichten. (Abbildung nächste Seite).

Die letzten Katastrophen ereigneten sich von 1844 bis 48; das gesamte Ötztal wurde verwüstet und sogar im Inntal beklagte man Schäden.

Das Ötztal ist ein Beispiel eines hochalpinen Tales, in dem viele Naturgefahren wie Gletschervorstösse, Bergstürze, Muren und Lawinen zugleich studiert werden können. All diese Katastrophen spiegeln sich auch in den Ortsnamen wieder wie zum Beispiel Umhausen, Neudorf, Muhre und Östermuhre.

Abb. 9: Der Vorstoß des Vernagtferner im Jahre 1772

4. Lawinen

4.1. Allgemeine Erläuterung

Abgesehen von den Hochgebirgen in den Tropen, versetzt das Lawinenproblem die Menschen in allen Hochgebirgen der Erde jedes Jahr erneut in Angst und Schrecken. Praktisch keine Region bleibt verschont, jedes Jahr sind erneut Schäden am Kulturland und auch Tote zu beklagen (siehe Grafik letzte Seite).

Ausgelöst einerseits durch menschlichen Leichtsinn oder andererseits durch extremes Niederschlagsgeschehen donnern Jahr für Jahr schätzungsweise 250000 Lawinen weltweit zu Tal.

4.2. Lawinenarten

Grundsätzlich unterscheidet man Trocken- oder Staublawinen und Feucht- oder Grundlawinen. Erstere rast mit bis zu 300 km/h zu Tal und vernichtet allein durch ihren Sog jegliches Leben. Zweitere erreicht zwar nur 50 bis 100 km/h, der schwere und pappige Schnee erdrückt aber alles unter sich. 20 cm unter der Oberfläche gibt es kein selbständiges Befreien mehr. Die Chancen, heil wieder ans Tageslicht zu gelangen, sind gering: nach 30 Minuten überlebt nur mehr jeder zweite, nach weiteren 30 Minuten nur mehr jeder dritte.

Einen unberechenbarer Faktor bildet dabei der Frost, der die Umwandlung des Schnees verzögert und zur Bildung kleinerer Hohlräume führt.

4.3. Lawinenauslöser

Prinzipiell wird jede Lawine entweder intern oder extern ausgelöst.

Interne Auslösung:
a) Labilitätsverstärkung durch Schichtaufbau
b) zu großes Gewicht
c) zu große Wasserdurchtränkung
d) Bodenrauhigkeit

Externe Auslösung:
a) Schichtaufbauanriß durch Mensch oder Tier
b) Winddruck
c) Schallauslösung (z.B. durch militärische Übungen)
d) Erdbeben
e) Witterungs- und Temperaturverlauf

4.4. Bevorzugtes Auftreten von Lawinen

Hangneigung

Besonders gefährdet sind Hänge zwischen 28° und 50° Neigung. Darunter ist das Gefälle für Lawinen zu flach, darüber bleibt weniger Schnee liegen und die Gefahr sinkt somit wieder.

Geländeform

Rinnen, Gräben und Tobel sind gleichsam "vorprogrammierte" Lawinenbahnen; Rücken, Grate und Terrassen sind meist lawinensicher, zusätzlich hemmt ein gut kuppiertes Gelände die Lawinengefahr.

Hangexposition

Leehänge, in den Alpen meist in Ost- oder Südexposition, stellen aufgrund von Schneeverfrachtung das größte Gefahrenpotential dar.

Abb. 10: Lawinenhang zwischen Zernez und Ofenpass im Juni 99

4.5. Lawinenforschung

Diese wichtigen Erkenntnisse stammen zum Großteil vom Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung auf dem Weißfluhjoch (2663 m) oberhalb von Davos im Kanton Graubünden. Seit 1942 erforscht man im wohl berühmtesten Observatorium seiner Art den Aufbau der Schneedecke, das Gefahrenpotential und die Vorsorgemaßnahmen. Davos, der verschlafene Weiler des vorigen Jahrhunderts und heutiger exklusiver Wintersportort, wurde nicht umsonst zum Mekka der Lawinenforschung. Besonders seit dem Katastrophenwinter 1950/51, als in der Schweiz 98 Menschen unter Lawinen begraben wurden, wird den Arbeiten auf dem Weißfluhjoch vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt.

4.6. Pontresina - ein Ort mit ständiger Lawinenbedrohung

Pontresina, am Fuße des Schafberges im Oberengadin gelegen, lebt seit jeher in ständiger Angst vor Lawinen. Einerseits kann der Schweizer Touristenort mit einem unvergleichlichen Bergpanorama aufwarten, andererseits stellt genau diese Bergkullise das größte Gefahrenpotential dar. Dabei wäre Pontresina gar nicht so gefährdet, wäre auf dem Schafberg bis 1900 nicht so intensiv Schafzucht betrieben worden. Der Berg, der seinen Namen offensichtlich nicht zu Unrecht trägt, wurde jedes Jahr von über 1000 Schafen "heimgesucht". Die Waldgrenze wurde durch Weidedruck von 2350 auf 2100 m herabgedrückt. Seither wird mühsam wieder aufgeforstet; der Versuch, resistentere Exoten anzupflanzen, scheiterte kläglich. Bis 1988 wurden fast 400000 Bäume gepflanzt, davon 60 % Zirben (Pinus cembra), 30 % Lärchen (Larix decidua) und 10 % Bergföhren (Pinus sylvestris).

Neben den Aufforstungen sollen in erster Linie Schutzbauten den berühmten Fremdenverkehrsort im Tale schützen. Bis 1930 setzte man auf freistehende Trockenmauern, daraufhin wurden länger lebige Mauerterrassen angelegt. Ab 1950 wurden sogenannte Schneebrücken aufgestellt, seit 1980 setzt man auf stabile Stahlwerke, die pro Anker einer Belastung bis 23 Tonnen standhalten.

Abb. 11 und 12: Lawinenschutz einst und jetzt

Insgesamt ist der Schafberg von 16 km Lawinenverbauung durchzogen. Rechnet man den gesamten Aufwand des letzten Jahrhunderts zusammen, ergibt sich die stattliche Summe von rund 100 Millionen Franken.

Zusätzlich sollen Lawinenablenkdämme, Galerien oder Murgangbremsen Pontresina schützen.

Abb. 13: Lawinenschutz am Schafberg

Im Ort selbst versucht man, durch raumplanerische Maßnahmen das Risiko einer Schadenslawine in den Griff zu bekommen. Der gesamte Ort wird in Gefahrenzonen eingeteilt; in den stark gefährdeten Gebieten werden einfach keine neuen Baubewilligungen mehr ausgestellt. Lernen könnte man dabei auch aus vergangenen Zeiten. Die Alpenbewohner haben seit jeher im Bewusstsein der drohenden Naturgefahren gelebt und die Nutzung der Kulturlandschaft den lokalen Gegebenheiten angepasst. Nicht umsonst gab es im Ortsbild von Pontresina Baulücken, die in Risikozonen lagen. Bis vor kurzem stellte der Tourismus mit all seinen Auswüchsen die größte Bedrohung dar. Hotelburgen wuchsen an Stellen aus dem Boden, die seit jeher gemieden wurden. Der Siedlungsdruck und die Aussicht auf schnelles Geld zwang die Menschen, immer höhere Risiken in Kauf zu nehmen und die eigene Sicherheit aufs Spiel zu setzen.

Übersicht der Schadenslawinen und Toten in Österreich, der Schweiz und Italien von 1967/68 bis 1992/93

ÖSTERREICH

SCHWEIZ

ITALIEN

Jahr

Schadenslawinen

Tote

Schadenslawinen

Tote

Tote

67/68

87

21

421

37

9

68/69

35

19

43

22

9

69/70

464

19

254

56

3

70/71

144

43

62

33

10

71/72

72

19

48

23

31

72/73

198

61

128

32

5

73/74

202

7

35

14

11

74/75

671

45

1022

27

20

75/76

73

16

31

16

23

76/77

130

17

92

30

36

77/78

107

33

264

44

38

78/79

144

22

65

38

20

79/80

175

16

133

27

23

80/81

445

20

249

27

5

81/82

542

30

222

20

24

82/83

142

23

99

26

18

83/84

454

41

499

41

24

84/85

136

41

142

55

33

85/86

243

44

325

34

27

86/87

195

31

88

15

16

87/88

180

40

137

24

37

88/89

37

15

32

16

11

89/90

24

12

46

28

14

90/91

66

21

50

38

38

91/92

96

9

89

13

~

92/93

58

23

49

28

~

Summe:

5120

688

4625

764

485

Durchschnitt

196,9

26,5

177,9

29,4

18,7


5. Literaturverzeichnis

ABELE, G. 1974: "Bergstürze in den Alpen", Wissenschaftliche Alpenvereinshefte, Heft 25, S. 1-230
EICHER, H. WS 96/97: Skriptum "Naturkatastrophen I"
EICHER, H. SS 97: Skriptum "Naturkatastrophen II"
FISCHER, K. 1965: "Murkegel, Schwemmkegel und Kegelsimse in den Alpentälern", Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft München 1965, S. 127-159
JACOB, K. 1995: "Entfesselte Gewalten", S. 75-87 "Wenn Berghänge ins Rutschen kommen".
LIEB, G.K. 1988: Skriptum "Geomorphologie", S. 37-47
LIEB, G.K. WS 98/99: Skriptum "Geographie des Hochgebirges I"

© 1999 Helmut PERL, Institut für Geographie und Raumforschung, Karl-Franzens-Universität Graz