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Geschlechtsneutrale Schreib-
und Sprechweise – wieso?
Sollte ich mich als Frau angesprochen fühlen, wenn ein Brief
mit der Anrede „Lieber Student“ oder „Lieber Kunde“ anfängt?
Sind Frauen wirklich mitgemeint, trotz der männlichen grammatischen
Form, wenn die Rede von Wissenschaftlern, Doktoren, Künstlern
und Rektoren ist? Warum werden weibliche Gebäudereiniger Putzfrauen
genannt, männliche Bodenpfleger? Wieso gibt es keine
Krankenbrüder, obwohl es als Berufsbezeichnung symmetrisch
mit der Krankenschwester wäre? Wo kommt das her, dass
das Wort Junggeselle viel positivere Assoziationen weckt
als alte Jungfer? Spielt das alles überhaupt eine Rolle,
oder sind das nur Kleinigkeiten, die die historische Struktur der
Sprache widerspiegeln, aber nichts mit der realen soziokulturellen
Situation der Frauen zu tun haben?
Geschlechtsneutral zu formulieren mag auf dem ersten Blick ein großer
Aufwand sein. In der deutschen Sprache ist die geschlechtsneutrale
Formulierung vielleicht noch schwieriger als in vielen anderen Sprachen,
allein wegen der Tatsache, dass alle Wörter nach dem grammatischen
Geschlecht gegliedert sind.
Warum sollte dann die Mühe aufgewendet werden, geschlechtergerechte
Sprache zu verwenden? Auf der anderen Seite, was für Argumente
liefern diejenigen, die es nicht sinnvoll finden, alte etablierte
Sprachformen zu ändern?
ARGUMENT
Frauen sind in den männlichen Formen „mitgemeint“.
Obwohl sie nicht ausdrücklich genannt werden, bezieht sich die
männliche Form auf beide Geschlechter. Das biologische Geschlecht
und grammatikalische Genus dürfen nicht gleichgesetzt werden.
ANTWORT
Frauen müssen sich angesprochen fühlen können.
Obwohl in der sprachwissenschaftlichen Theorie keine Verbindung zwischen
dem Sexus und Genus existiert, stellen Leute in der Praxis eine her
(Beispiel
1). Wenn auch die weibliche Form genannt wird, werden Frauen
sichtbar gemacht und es wird signalisiert, dass sie die gleichen gesellschaftlichen
Stellungen belegen können. Ohne explizite Nennung von Frauen
werden sie von der Gruppe der aktiven Handelnden ausgeschlossen.
ARGUMENT
Das „generische“ Maskulinum verweist eher auf die
Kategorie „Mensch“. Es wird als neutral empfunden, besonderes wenn
es im Plural vorkommt. Es wird verwendet, wenn auf Personen und Gruppen
referiert wird, deren Geschlecht unspezifiziert ist oder wenn beide
Geschlechter gleichermaßen gemeint sind. Die übergeschlechtliche,
grammatikalisch neutrale Bedeutung des Maskulinums geht wegen der
Doppelformen allmählich verloren.
ANTWORT
Der Gebrauch von maskulinen Personenbezeichnungen für Frauen
reproduziert und verstärkt Stereotypen über die
Rollen von Frauen und Männern, und damit Erwartungen,
was sie machen können und sollen. Es widerspricht dem Grundsatz
der Gleichberechtigung von Frau und Mann. Wenn auf Professoren,
Wissenschaftler, Schriftsteller oder Doktoren immer nur mit der
männlichen Form referiert wird, werden unsere Vorstellungen verstärkt,
dass sie öfter Männer sind. Dadurch schränkt sich vielleicht
unser Vorstellungsvermögen ein, dass auch Frauen diese Positionen
genau so gut einnehmen können. Wenn wir Frauen weniger in diesen
Berufen erwarten, erwarten wir auch weniger von ihnen. Die Erwartungen
beeinflussen das Verhalten, die Leistung.
Das „generische“ Maskulinum wird nicht immer konsequent verwendet.
Wenn auf SekretärInnen oder Reinigungskräfte hingewiesen
wird, wird das Femininum öfter benutzt, obwohl gleichermaßen
auch Männer gemeint sein können. Wenn es um höhere
soziale Stellungen geht, wird das Maskulinum wieder in Gebrauch genommen.
ARGUMENT
Sprachliche Formeln sind nur die Oberfläche. Außersprachliche
Diskriminierungen bleiben unangetastet, wenn das Interesse nur an
der Sprache liegt. Die Feinheiten der Sprache sind nicht so wichtig
wie die gesellschaftliche Gleichstellung von Männern und Frauen.
ANTWORT
Die Sprache reflektiert die Ungleichheit zwischen den Frauen
und Männern in unserer Gesellschaft, der ein patriarchalisches
hierarchisches System zugrunde liegt. Die soziale Unterdrückung
und Diskriminierung der Frauen als Gruppe spiegelt sich im „generischen“
Maskulinum wider. Sprache hat implizierte soziale Folgen, und deshalb
ist es wichtig, die Sprache zu ändern, um diese Strukturen sichtbar
zu machen.
ARGUMENT
Es gibt historische Gründe für die Formen der Sprache,
und etablierte Formen sollten nicht verändert werden.
ANTWORTNTWORTANTWORTANTWORT
Männer werden als Norm vorgestellt,
wenn die Rede immer von dem Mensch ist, wenn das Männliche in
solchen Komposita wie Mann und Frau, er und sie, Bruder und Schwester,
Hänsel und Gretel, Romeo und Julia immer an der ersten Stelle
vorkommt und wenn Frauen in Beziehung zu Männern definiert werden,
wie z. B. wenn sie nur als Töchter, Mütter und Ehefrauen
gesehen werden.
ARGUMENT
Wegen der sprachlichen Ökonomie ist es unmöglich,
immer beide Geschlechter zu nennen. Das Schreiben und Sprechen wird
zu kompliziert, wenn immer Doppelformen benutzt werden müssen.
ANTWORT
Geschlechtergerechte Sprache kann im Sinne von Bedeutungsklarheit
ökonomischer sein als traditionell verfasste Texte. Manchmal
ist extra Aufwand nötig, um solche Texte zu interpretieren, wo
das Maskulinum „generisch“ verwendet wird. Es muss vom Kontext abgeleitet
werden, ob tatsächlich auch Frauen gemeint sind oder nur Männer
(Beispiel
2). ARGUMENT
Die vorgeschlagenen Alternativen, die der sprachlichen Gerechtigkeit
dienen sollen, verletzen die traditionellen Grammatikregeln
und widersprechen der optischen Ästhetik. Geschlechtergerechte
Sprache führt zu unlesbaren Texten.
ANTWORT
Die feministische Linguistik wünscht nicht, den traditionellen
Grammatiken zu entsprechen, sondern sie zu ändern, weil
es auch Änderungen in der Rolle der Frau gegeben hat, die alle
(noch) nicht in der Sprache zu sehen sind. Mit den Änderungen
steigt auch das allgemeine Bewusstsein für Geschlechterfragen.
Z. B. Das Binnen-I dient auch als Provokation und macht die Forderung
nach geschlechtergerechter Sprache sichtbar.
ARGUMENT
Die Sprache kann nicht von oben verändert werden,
sondern der Wandel ist ein Ergebnis natürlicher Prozesse.
ANTWORT
Die Sprache befindet sich im ständigen Wandel
und ist immer den Machtinteressen bestimmter Gruppen unterworfen.
Gleichzeitig hat sie eine große politische Bedeutung, sowie
die Strebung nach einer veränderten Grammatik eine politische
Handlung ist.
ARGUMENT
Die Forderung nach geschlechtergerechter Sprache ist unwichtige
Sprachspielerei. Die Energie sollte eher dahin gerichtet
werden, wo es richtige Probleme gibt. Die Probleme der geschlechtergerechten
Formulierung interessieren nur feministische LinguistInnen.
Wichtig ist was gesagt wird, nicht wie.
ANTWORT
Die Forderung nach geschlechtergerechtem Sprachgebrauch hat ihre Wurzeln
in der zweiten Frauenbewegung und entspricht dem Bedürfnis
der breiten Masse der Frauen. Die Wissenschaft reagiert darauf, was
in der Gesellschaft existiert.
Geschlechterneutrale Schreib-
und Sprechweise – wie?
Anleitungen
zu geschlechtergerechtem Sprachgebrauch
Website
für geschlechtergerechte Sprache der Frauenabteilung der Stadt
Wien
Literatur
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mm mm mm Text
und Gestaltung: Jaana Tapio
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