Vollmann, Ralf 2002: Wilhelm von Humboldt und die baskische Grammatik. online.
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Wilhelm von Humboldt und die baskische Grammatik

Ralf Vollmann, University of Graz

1. Humboldts Sprachwissenschaft

Humboldts Sprachwissenschaft ist heute vor allem durch seine sprachphilosophischen Betrachtungen bekannt. Damit allein wird man aber dem Werk nicht gerecht. Humboldt war vor allem einer der ersten linguistischen Empiriker mit universaltypologischem Interesse, und seine Methoden waren wohldurchdacht.

Diese wechselseitige Bedingtheit von Theorie und Empirie läßt sich bereits an der mit den baskischen Studien 1800-1801 einsetzenden Konstituierungsphase von Humboldts Sprachwissenschaft feststellen und ist noch für sein letztes großes Werk, Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java, bestimmend geblieben. [Mueller-Vollmer 1993: IX]

Bitter mangelt es ihm beispielsweise an geeigneten linguistischen Werkzeugen wie etwa ein internationales phonetisches Alphabet:

Wer mit Genauigkeit zu arbeiten liebt, wird oft mit Unwillen fühlen, daß Mangel an gehöriger Bestimmung der Aussprache her eine Revision der mit Sicherheit bekannten articulirten Laute, ihre genaue Bestimmung nach der Art, wie sie in den Sprachwerkzeugen gebildet werden, u. ihre feste u. unabänderliche Bezeichnung. Wäre hierzu nur einmal eine sichere Grundlage vorhanden, so ließen sich die neu vorkommenden Laute sehr leicht in der ganzen Scala durch ihre ihnen zunächst stehenden Nachbarn bestimmen. Bis zu einer solchen allgemeinen Arbeit bleibt alle Beschreibung der Aussprache einer Sprache immer schwankend, unvollständig, u. einseitig. [Humboldt, ms.]

Sein sprachphilosophisches Werk "Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus..." ist eigentlich nur die Einleitung zu seiner Beschreibung des Kawi. D.h., bei Humboldt findet man nicht nur philosophische Ansichten, sondern auch die linguistische Analyse dazu.

Wie es dazu kam, daß Humboldt relativ wenig konkrete Nachfolger in der Geschichte der abendländischen Sprachwissenschaft fand, wird in Mueller-Vollmer 1993 ausführlich dargelegt. Schlegel, Bopp, Pott, die Grimms ehren sein Andenken posthum nicht (wirklich), sondern schlagen ganz andere Wege ein. Von den wenigen Nachfolgern ist zu nennen Buschmann, der Sekretär, Mitforscher und Nachlaßverwalter Humboldts; Heymann Steinthal, John Pickering und August Schleicher. Während Steinthal (vgl. Ringmacher 1996), der als Exeget Humboldts ein ambivalentes Verhältnis zu ihm hatte, gewissermaßen an Humboldts sprachphilosophisches Erbe anschloß und seine metaphysisch-idealistische Sprachauffassung auf eine psychologische Grundlage stellte, führte Schleicher den empirisch-linguistischen Aspekt in Humboldts Sprachwissenschaft weiter, indem er jedoch deren apriorische Grundlage fallenläßt und sie - zumindest in seinen späteren Arbeiten - auf eine rein darwinistisch-materialistische Basis stellt (vgl. Benes 1958).

Mit einiger Verspätung fand Humboldt im 20. Jahrhundert schließlich Nachfolger, die sich dann aber 'zwangsläufig', also kulturgeschichtlich bedingt infolge großen Abstandes zu ihm doch eher als Exegeten betätigten. Zunächst Weisgerber und Gipper mit ihrer "Sprachinhaltsforschung", aber auch Chomsky mit seiner "kartesianischen Linguistik" (Chomsky 1966; Kritik: vgl. Scharf 1994), sowie Habermas (1985, 1988) und andere. Diesen Annäherungen an Humboldt ist gemeinsam, daß es den Proponenten sehr stark um die sprachphilosophische Position Humboldts ging und nicht so sehr um seine Linguistik (Universaltypologie, Grammatik).

[...] of this Prussian grammarien-philosophe, and owed its subsequent popular appeal to its philosophy rather than its grammar. It should have been the other way round. [Plank 1989: 294]

Als Humboldt also "entdeckt" wurde, war es bereits zu spät für ihn: Saussure und andere hatten schon eine neue Linguistik begründet, für die Humboldt ursprünglich gesprochen hatte. Denn der Unterschied zwischen Humboldt und seinen Zeitgenossen war der Ansatz: Während Bopp und die anderen die diachrone Indogermanistik begründeten und verabsolutierten, war Humboldt (auch) ein synchroner Sprachwissenschaftler, der sich neben dem historischen Sprachvergleich unter anderem auch um eine "moderne" Universaltypologie kümmerte. Im Gegensatz zu der späteren schärfer sich abgrenzenden synchronen Sprachwissenschaft unterschied allerdings Humboldt nicht zwischen einer diachronen und einer synchronen Linguistik. Vielmehr flossen hier die Informationen zusammen. So darf es nicht verwundern, daß die modernere Theorie der "Grammatikalisierung" zu Recht Humboldts Ansätze (vgl. v.a. Humboldt 1825) als Vorgängermodell zitiert (z.B. in Heine & Claudi & Hünnemeyer 1991).

Streng genommen ist Humboldts Ansatz überhaupt nicht "sprachphilosophisch" und schon gar nicht "philosophisch" im herkömmlichen Wortsinn. Denn was Humboldt dazu bewegt, die Sprachen zu studieren, ist die Erkenntnis, daß Kognition mittels Sprache in bestimmten Bahnen verläuft, und daß ein Nichtgewahrsein dieser Funktionalitäten der Sprache die Philosophie (mit ihrer abstrakten "Sprache") in die Irre führt. Aus diesem Grund ist das Studium der Sprachen, der Grammatik, der Universaltypologie, der Grammatikalisierung durchzuführen, erlaubt es doch bessere Einblicke in die Kognition als ein aus dieser Perspektive naiv erscheinendes philosophisches Reflektieren. Es ist in dieser Hinsicht sogar anzunehmen, daß Humboldts "sprachphilosophische Ergebnisse" (oder aus Humboldt herausgezogene Ergebnisse) weniger wichtig, da durchaus diskutierbar sind, als die geistesgeschichtliche Tatsache der Begründung einer bestimmten Methode. Denn dies, so denke ich, ist doch der Antrieb und die Motivation der modernen Linguistik, Einblick zu nehmen in die Mechanismen der Kognition mittels ihres unmittelbarsten Ausdrucksmittels, der Sprache.

Es ist unausweichlich, daß die Zeiten Vergangenes immer neu erschaffen, weil eben die Rezipienten an jeder Semiose teilhaben: Zu Humboldts Zeiten war seine Methode 'unzeitgemäß', in der ersten Phase der Humboldt-Rezeption (Weisgerber, Gipper) blickte man gebannt auf etwaige "konkrete" sprachphilosophische Ergebnisse, in der späteren Phase (Chomsky und andere) wurde zwar ein Blick auf die Methode gerichtet, allerdings schien hierbei die Vereinnahmung stärker zu sein als die reine Betrachtung seines Werks (historische Persönlichkeiten als externe Evidenz wissenschaftlicher Hypothesen...).

Im Zuge der im Gang befindlichen erstmaligen Edition seiner sprachwissenschaftlichen Schriften [01] wird nun hoffentlich die Humboldtsche Linguistik posthum zu ihrem wissenschaftsgeschichtlichen Recht kommen, indem sie für sich selbst spricht. Denn es ist erstaunlich, was bei Humboldt schon längst da ist, der Gedanke der Grammatikalisierung, Einsichten über Zusammenhänge zwischen linguistischen Kategorien, Möglichkeiten und Grenzen linguistischer Subsysteme, Wirkmechanismen, usw.; andererseits bildete sich damals erst die wissenschaftliche Tradition, auf der wir heute aufbauen, d.h., vieles ist natürlich aus heutiger Sicht falsch, naiv oder nur zufällig richtig.

Humboldts linguistischer Ansatz entwickelte sich aus der damals nicht banalen Erkenntnis, daß die Sprachen der Welt stark verschiedene grammatikalische Strukturen aufweisen. Nach Humboldt erforderte dies eine systematische Aufsuchung aller Muster, um so das Universelle festzumachen oder das Relative zu erkennen. Zu Humboldts Zeiten gab es zwar bereits mehrere Ansätze von Sprachprobensammlungen (z.B. Adelungs und Vaters 'Mithridates' (1806) oder Hervas' 'catalogo delle lingue conosciute' (1784)), aber die Sammler schienen ein eher enzyklopädisches Interesse zu verfolgen, und keiner von ihnen zeigte ein so konsequent universaltypologisches Interesse wie Humboldt. Die universitäre Sprachwissenschaft jener Zeit wiederum begnügte sich mit dem Entdecken von Sprachfamilienverwandtschaften, eine Tätigkeit, die sie teilweise auch übertrieb (vgl. Mueller-Vollmer 1993: 28ff.). Humboldt ging in seinem Ansinnen viel weiter: Ob Sprachfamilie oder nicht, er erkannte typologische Zusammenhänge, folgerte auf Universalien, und verglich einzelne morphosyntaktische Kategorien mit allen ihm verfügbaren Daten.

2. Humboldts Interesse am Baskischen

Humboldts Interesse für die baskische 'Nation' und Sprache wird auf der ersten Reise durch Spanien (1799/1800) erweckt; daß er aber bereits über das Baskische informiert ist, zeigt ein Brief an Schiller am 26.04.1799, also einige Monate vor dem Antritt der Spanischen Reise (am 08.09.1799).

Ein kleiner, aber merkwürdiger Punkt ist noch Biscaya. Es ist wenigstens das einzige Europäische Land, das eine eigentliche Ursprache, älter, als alle übrigen Länder, u. die mit keiner andern auch nur entfernte Ähnlichkeit besitzt, erhalten hat. Besonders ist die Grammatik dieser Sprache im höchsten Grade merkwürdig u. führt zu interessanten Beobachtungen über die Bildung der Sprachen überhaupt. [Humboldt an Schiller, 26.04.1799]

Im Reisetagebuch der Spanischen Reise (GS XV: 47-355) bemerkt er nur soviel:

Von Bayonne kommt man in das eigentliche Basquenland. Wenn man auch bloss, wie wir, durchreist, so kann man nicht die auffallende Nationalphysionomie [!] unbemerkt lassen. Kein Stamm hat sich vielleicht so lange, so rein und so auffallend national erhalten. [...] Ueber den Klang der Sprache wage ich nichts zu sagen, als dass er durchaus fremd ist, und man nicht das Mindeste versteht. [Humboldt, Tagebuch der Reise nach Spanien 1799-1800, GS XV, 128f.]

Vitoria. // Mein Führer hier war Don Lorenzo Prestamero. Er hat eine Reihe von Jahren darauf verwandt, Alava, seine Provinz kennen zu lernen, und eine Menge Materialien zu einer Beschreibung derselben gesammelt. Er zeigte mir von seinen Manuscripten: // 1. eine Herleitung der Namen der verschiedenen Oerter aus der Basquischen Sprache. - Alle, einige wenige ausgenommen, haben von ihr ihren Ursprung. Es ist eine falsche Orthographie Victoria zu schreiben. In alten Zeiten hiess der Ort Bitoreà, im Basquischen un luego sobre-saliente y escogido. Doch kann Prestamero kein Basquisch. [...] [Humboldt, Tagebuch der Reise nach Spanien 1799-1800, GS XV, 134f.]

Zurück in Paris (1800/1801) informiert er sich über das Baskische und konsultiert bzw. verfertigt ausschnittweise Abschriften der Werke von Oihenart (1638), Larramendi (1728, 1729, 1745) und Harriet (1741). Auf einer neuerlichen Reise besucht er Astatrloa, von dessen Manuskript er gehört hat. Er exzerpiert dessen "Plan de lenguas..." (vgl. Astarloa n.d., 1935) [02] und bearbeitet gemeinsam mit dem Autor offene Fragen [03].

Ich habe hier einen göttlichen Fund getan. Mein Pfarrer ist der einzige Mensch, der eigentlich recht Baskisch weiß, er hat stupend und mit viel richtigem Sinn über die Sache gearbeitet. Er hat ein Werk im Manuskript, wozu es ihm an Gelegenheit fehlt, es drucken zu lassen. Daraus habe ich Auszüge gemacht, und noch künftig wird er mir einige Abschriften schicken. [Humboldt an Caroline v.H., 45. Durango, 13. Mai 1801]

Im Juni 1801 kehrt er von dieser Reise nach Paris zurück, und schon im September verläßt die Familie Humboldt Frankreich. Doch in dieser Zeit arbeitet Humboldt noch intensiv an den nur in Paris erhältlichen Schriften, u.a. an dem Wörterbuch von Pouvreau (vgl. Kerejeta 1997).

Baskisch ist die erste nichtindogermanische Sprache, die Humboldt lernt, und sie hat eine Reihe von Merkmalen, die seine möglicherweise bestehende bisherige Zufriedenheit mit der traditionellen Lateingrammatik erschüttern. Bald erkennt er, daß das Baskische durch diese Art von Grammatik entstellt beschrieben wird. Baskisch weist eine Reihe von Eigenarten auf, die den klassisch gebildeten Sprachforscher irritieren müssen: zunächst ist es eine agglutinierende Ergativsprache, verfügt über eine Objektflexion, dadurch über ein überaus umfangreiches Verbformeninventar, und über ein Honorificsystem. Humboldts Beschäftigung mit der baskischen Sprache (und Volkskunde) hält 20 Jahre an; in dieser Zeit konsultiert er zahlreiche Werke, Personen, erarbeitet ein Wörterbuch, plant eine große Monographie - und vollendet doch nur einige Werke, deren zumindestens eines für sich umfangreich ist, aber dennoch in keinem Verhältnis zu seiner Materialsammlung steht. Nichtsdestoweniger gilt Baskisch als die erste Sprache, die Humboldts Art von Sprachwissenschaft methodisch beeinflußte und leitete: die eingehende Beschäftigung mit der grammatischen Struktur bzw. einzelnen Aspekten unter einem kontrastivlinguistischen und typologisch interessierten Gesichtspunkt.

Pour Humboldt, l'expérience basque, loin d'être inutile, a été le modèle même de ce que devait être une enquête linguistique. C'est lui-même qui l'à dit: 'Dieser ersten Erfahrung in diesem Theile der Sprachkunde folgte ich in den übrigen.' [Michelena 1985: 142; Zitat Humboldt: GS VI, 1: 139]

Nach 1821/1822, also mit seinem vollständigen Rückzug aus der Politik, scheint er sich kaum noch mit dem Baskischen beschäftigt zu haben; ab dieser Zeit widmet er sich fast ausschließlich außereuropäischen Sprachen und entwickelt seine berühmten Spätwerke. Insofern ist sein baskisches Werk von einem besonderen forschungsgeschichtlichen Interesse, kann es doch im Gegenzug als 'Herausbildung seines sprachwissenschaftlichen Denkens' charakterisiert werden (vgl. Hurch & Kerejeta 1995b).

3. Humboldts Schriften zum Baskischen

Humboldt sammelte und bearbeitete allgemein sehr viel Material, publizierte aber nur wenig; so sagt er von sich selbst:

Es ist immer eine innere Plage meines Lebens gewesen, mit Ideen schwanger zu gehen, die ich zum Gegenstande eines Aufsatzes, eines Buchs, oft eines bedeutenden Werks machen wollte, und nie dazu zu gelangen. [Humboldt, Bruchstücke einer Selbstbiographie, GS XV: 451.]

Dies gilt auch für seine baskischen Studien. So ist auch ein Großteil der in Collectaneen zusammengestellten Exzerpte, Notizen und Arbeiten im Bearbeitungsstadium. Bemerkenswert sind die Namen einiger zu Lebzeiten publizierter Arbeiten: Zum einen sind das die "Berichtigungen und Zusätze" zu einer unzufriedenstellenden Darstellung des Baskischen im Mithridates (Adelung 1806), zum anderen die "Ankündigung einer Monographie über die Vasken" - eine Monographie, die nie erschienen ist. Es sollen hier nicht alle Werke und Manuskripte aufgeführt werden, die in Gomez 1996 und vollständiger anhand der nachgelassenen Collectaneen in Mueller-Vollmer 1993 bzw. noch ein wenig vollständiger in der zu erwartenden Edition aufgeführt werden. Aber es möge hier zuerst der Humboldtsche Plan der großen Baskenmonographie vorgestellt werden, den anhand der nachgelassenen Schriften nachzubilden nur noch mit einiger Wahrscheinlichkeit möglich ist, und danach sei noch seine große etymologische Arbeit über das Baskische besprochen.

3.1. Die 'Monographie über die Vasken'

Humboldt plante zeitlebens (u.a.) eine große Publikation über das Baskenland, die Basken und die Baskische Sprache. Diese Monographie über die Vasken sollte nach eigener Auskunft (vgl. Ankündigung, GS III: 294 ff. [04]) folgende Teile enthalten:

"Der dritte Abschnitt wird endlich, nach der Schilderung des Landes und seiner Bewohner, und nach der Zergliederung der Sprache, historische und philosophische Untersuchungen über die Vaskische Nation und Sprache, als Resultate der beiden ersten Abschnitte enthalten; und es wird darauf ankommen, hier, mit Zusammennehmung aller einwirkenden Umstände, die Stelle zu bestimmen, welche beide unter den Nationen und Sprachen, sowohl nach ihrer Abkunft, als nach ihrem Werth und ihrer Wichtigkeit in der Geschichte des Menschengeschlechts, und für die Kenntniß und die Erweiterung des Begriffs der Sprache überhaupt einnehmen." [Humboldt, GSIII: 298f. (= H. 1812)]

Der erste Teil, der das ethnologische Interesse Humboldts zeigt, sei hier nicht weiter erörtert. Der hier besonders interessierende zweite Teil, die Grammatik des Baskischen, ist uns leider nur in (allerdings ausführlichen) Fragmenten erhalten, deren Inhalt im folgenden Abschnitt 4 kurz dargestellt wird. Obwohl dieser Abschnitt nie ausgearbeitet wurde, erfolgte in den zu Humboldts Lebzeiten (1817) erschienenen "Berichtigungen und Zusätze zum ersten Abschnitte des zweiten Bandes des Mithridates über die Cantabrische oder Baskische Sprache" die Publikation einer Kurzdarstellung der Grammatik. Es ist nicht klar, welche Schriften den dritten Teil ausmachen sollen und ob er jemals ausgearbeitet wurde. Leitzmann vermutet, daß die "Prüfung der Untersuchungen ..." (siehe Abschnitt 3.2.) diesen Teil bilden sollte.

3.2. Die 'Prüfung der Untersuchungen über die Urbewohner Hispaniens vermittelst der vaskischen Sprache'

Noch zu seinen Lebzeiten beendete Humboldt ein größeres Werk diachronen Inhalts zum Baskischen, das 1821 bei Dümmler erschien, die sogenannte 'Prüfung der Untersuchungen über die Urbewohner Hispaniens vermittelst der vaskischen Sprache'; die 'Prüfung' wurde in der Folge sowohl in der von Alexander von Humboldt besorgten Edition 1841 (GW II: 1-214) als auch in der Leitzmannschen Edition (GS IV: 57-232) wiederabgedruckt, d.h., sie wurde als besonders wichtig für sein Werk erachtet. [06] Darüberhinaus erschienen seit 1879 mehrere spanische Übersetzungen. Zusätzlich ist auch das Originalmanuskript erhalten (coll.ling.fol. 14, Jagiellonische Bibliothek, Krakau).

In den Collectaneen finden sich zahlreiche Notizen und Arbeitspapiere, die das Ausmaß an Recherche nachempfinden lassen, das Humboldt dieser Arbeit angedeihen ließ. Die Vorarbeiten für dieses Werk begannen im Grunde bereits 1801, nach der Rückkehr von seiner zweiten Spanienreise. In einem Brief (12.12.1801) berichtet er Wolf über seine intensiven baskischen Sprachstudien. Die Abhandlung wurde 1820, nach seinem Austritt aus dem Staatsdienst, fertig ausgearbeitet. In einem Brief an Wolf vom 27.01.1821 berichtet Humboldt, daß die Arbeit seit einigen Wochen fertiggestellt ist. Gleichzeitig bittet er darin um eine Stellungnahme und erwähnt die positive Meinung Ritters. Im Frühjahr 1821 wurde das Buch gedruckt, sodaß Humboldt am 07.05.1821 Welcker bereits vom Druck berichten kann.

Humboldt hatte versucht, sich vor der Publikation der Arbeit mit jenen zu beraten, an deren Meinung ihm etwas gelegen war, aber nur Karl Ritter scheint sich ausführlicher damit auseinandergesetzt zu haben, er lobte die Klärung der Frage über die Urbevölkerung des westlichen Europa und die 'vorsichtige Methode der Untersuchung' (vgl. Brief an Wolf vom 27.01.1821). Wolf, den er in genanntem Brief ebenfalls um eine Stellungnahme gebeten hatte, blieb ihm diese aber wohl schuldig (vgl. GS IV: 38). Auch das zögerliche Vorgehen Humboldts bei der Wahl des endgültigen Titels zeigt die für ihn typische Unsicherheit,wenn es darum ging, seine Werke an die Öffentlichkeit zu bringen. Der ursprüngliche Titel des Werks lautete "Ueber den Nutzen, welchen die Kenntniss der Vaskischen Sprache bei den Untersuchungen über die Urbewohner der Iberischen Halbinsel leistet"; an seine Stelle trat dann: "Prüfung der Untersuchungen über die Urbewohner Iberiens durch die Vaskische Sprache" (GS IV: 57), dieser wurde dann knapp vor der Veröffentlichung noch mehrmals geändert. Humboldt holte dafür erneut den Rat Wolfs ein:

Ich möchte Sie noch um einen Rath über meine Schrift bitten. Der Titel soll zum Meßcatalogus abgehen, und ich bin über diesen Titel in einiger Verlegenheit. Ich lege Ihnen vier verschiedene bei. Der doppelt angestrichene ist der, welchen ich vorziehe. Ich wünschte aber zu wissen, welcher Ihnen der angemessenste schiene, oder ob Ihnen ein 5t besserer einfiele. Die Vaskische Sprache kann nicht herausbleiben." (Brief an Wolf vom 21.03.1821)

Daß gerade dieser Teil der großen Basken-Monographie erschienen ist, während die eigentlichen Sprachstudien weiterhin in Form von Grammatikfragmenten, Notizen und Listen vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen blieben, liegt wohl auch teilweise daran, daß Humboldt, der sich offenbar seiner eigenen begrenzten Beherrschung des Baskischen bewußt war, immer auf eine Publikation aus den Reihen einheimischer Forscher hoffte, wie er selbst in der Vorrede zur "Prüfung" mitteilt:

...so würde ich längst versucht haben, etwas Vollständigeres über die Vaskische Sprache zu liefern, wenn sich nicht von Zeit zu Zeit die Hofnung erneuert hätte, dass in Spanien selbst noch ein wichtigeres Werk darüber erscheinen würde." (GS IV: 61).

Es handelt sich bei diesem umfangreichen Werk um eine profunde Untersuchung über die iberische Sprachgeschichte, die den Standpunkt vertritt, daß das Baskische aus dem alten Iberisch hervorgegangen sei. Humboldt folgt hierin Larramendi (1728) und Astarloa (n.d.) und diese Auffassung wird auch später von Hugo Schuchardt (militant) vertreten. Aufschlußreich in dieser Hinsicht konnte jedoch erst die vollständige Entzifferung der iberischen Inschriften durch den spanischen Linguisten Manuel Gómez Moreno um die Mitte des 20. Jh. sein, die heute allgemein anerkannt ist (vgl. Trask 1997: 380). Auf der Grundlage dieser Entschlüsselung gelangten - trotz der anfangs vielsprechenden zahlreichen Ähnlichkeiten zwischen Baskisch und Iberisch - der spanische Linguist Antonio Tovar und der bedeutendste aller Baskologen Luis Michelena unabhängig voneinander zu dem Schluß, daß es keine ausreichende Evidenz für die nahe Verwandtschaft der beiden Sprachen gäbe und daß Baskisch keinesfalls aus dem Iberischen hervorgegangen sein könne, daß diese aber möglicherweise einem alten iberischen Sprachbund angehörten (Trask 1997: 382).

4. Die baskische Grammatik bei Humboldt

Humboldts Interesse an einer detaillierten Darstellung der Grammatik von Einzelsprachen war motiviert von der Notwendigkeit einer verläßlichen Vergleichsbasis und entstand im Bewußtsein um die 'Interkonnektivität' des Ganzen der Grammatik.

... Denn was der allgemeinen Sprachkunde noch vorzüglich abgeht, ist, dass man nicht hinlänglich in die Kenntniss der einzelnen Sprachen eingedrungen ist, da doch sonst die Vergleichung noch so vieler nur wenig helfen kann. Man hat genug zu thun geglaubt, wenn man einzelne abweichende Eigenthümlichkeiten der Grammatik anmerkte, und mehr, oder weniger zahlreiche Reihen von Wörtern mit einander verglich. Aber auch die Mundart der rohesten Nation ist ein zu edles Werk der Natur, um, in so zufällige Stücke zerschlagen, der Betrachtung fragmentarisch dargestellt zu werden. Sie ist ein organisches Wesen, und man muss sie, als solches, behandeln. [GS VI]

Humboldts Beschäftigung mit der Grammatik des Baskischen (vgl. auch Michelena 1973 und Gómez 1996) ist uns nur in zahlreichen Notizen und zwei Grammatikfragmenten erhalten, von denen eines erst vor kurzem von Mueller-Vollmer in der Krakauer Bibliothek entdeckt wurde. [07] Aus diesen Fragmenten seien nun folgende Punkte herausgegriffen:

Das Wort

Im Rahmen von ausgedehnteren Darstellungen der Phonologie des Baskischen (in deren Verlauf er übrigens das Fehlen einer internationalen Transkriptionskonvention bedauert) verwendet Humboldt phonotaktische Kriterien zur Bestimmung des Wortes:

Kennt man aber die Sprache genauer, so fällt sehr bestimmt ins Auge, was Anhängssilben u. was eignes Wort ist. Man braucht nur auf die Anfangsbuchstaben dieser Wörter (die wie z.B. in tzat, für, so sind, daß kein Vaskisches Wort je so anfangen kann) auf die Einschiebung der Wohllautsbuchstaben, und vorzüglich auf den Accent zu sehen. Der letztere entscheidet auf das allerbestimmteste, daß jene Praepositionen immer, diese Hülfsverba nie Elemente des Hauptworts sind. Denn die ersteren haben immer nur Eine, die letzteren immer zwei Accentsilben; z.B. beguiratzálleari, dem Beschauer, emán ditút, ich habe sie gegeben. [GK, p. 385; vgl. auch Azkue-Abschrift, p. 56 = Garate 1933: 166]

Unbestimmtheit der Wortartkategorien ("Redetheile"):

Humboldt weist darauf hin, daß Nomina und Adjektive morphotaktisch nicht unterschieden werden können (aber durch ihre syntagmatische Anordnung (N+Adj)); im übrigen aber können an beide (aufgrund der baskischen Gruppenflexion) Kasus- sowie Graduierungssuffixe treten.

1. Zwischen dem Substantiuum und Adjectiuum giebt es schlechterdings keinen grammatikalischen Unterschied. Zu dem unbestimmten, gewissermaßen noch formlosen Begriff sind die Artikel hinzugefügt, u. dadurch entsteht das Nomen, das nur entweder eine selbstständige Sache oder eine Eigenschaft ausdrückt. Bici z.B. heißt: leben, hängt man daran das a des Artikels, und zwar wie immer hinten an, so heißt nunmehr Bicia sowohl das Leben, als der Lebendige. Beide haben dieselbe Declination; das Adjectiuum kennt nie mehr als Eine Endung, und sogar die Steigerung ist ihm nicht ausschließend eigen, da auch das Substantiuum sie und zwar auf dieselbe Weise annimmt. Denn man sagt eben so wohl er ist 'mehr Mann' in einem Wort, guizonago, als 'mehr schön' ederrago. - Den einzigen bestimmten grammatikalischen Unterschied giebt [es] da, wo es unmittelbar bei dem Substantivum steht, die Stellung. Denn das letztere geht immer u. ohne Ausnahme voraus, ur garbia, das reine Wasser, nie umgekehrt garbi ura. [GK, p. 376]

Dies ist ein Unterschied zu den "Referenzsprachen" (Griechisch und Lateinisch) (vgl. GK, p. 375f.), anhand derer Humboldt eine universaltypologische Überlegung über Wortartkategorien entwickelt; nach Aufzählung von 6 "nothwendigen Redetheilen" (Nomina, Verben, Adjektive, Präpositionen, Adverbien und Konjunktionen) schließt er:

Diese Redetheile müssen, da sie das Wesen der Rede ausmachen, in jeder Sprache vollständig vorhanden seyn. So bald die Sprache sie aber nicht auch durch besondere charakteristische Merkmale wirklich bezeichnet, so sind sie nicht eigentlich in ihr, sondern nur in dem Verstande und der Einbildungskraft des Redenden u. Verstehenden vorhanden. Auf der andern Seite kann sie aber auch Gattungen von Wörtern, die nicht eigne, sondern nur Untergattungen derselben Redetheile sind, durch feste Kennzeichen von einander unterscheiden, und daher mehr Redetheile bekommen, als die allgemeine Grammatik aufzählt. In den wirklichen Sprachen versteht man daher unter einem Redetheil eine Gattung von Wörtern, welche, ganz u. gar abgesehen von ihrer Bedeutung, bloß in Hinsicht auf ihre grammatische Gültigkeit, nach eigenen, von denen andre Gattungen abweichenden Regeln behandelt wird; u. in dieser Bedeutung ist die Anzahl der Redetheile in verschiedenen Sprachen verschieden. [GK, p. 375]

Das heißt, Humboldt vertritt - angesichts der Verschiedenheiten der Strukturen des Baskischen und des Lateinisch-Griechischen - die Auffassung, daß es eine Anzahl (semantisch) nothwendiger Redetheile wenigstens in der kognitiven Repräsentation des Sprechers/Hörers geben muß; die nicht-notwendigen Redeteile aber lassen sich als (grammatische) Subkategorien der notwendigen verstehen und sind als sprachspezifisch zu betrachten. M.a.W., Humboldt unterscheidet hier eine kognitive oder semantische und eine grammatische Ebene.

Transposition der Wortarten

In der baskischen Grammatik entwickelt Humboldt eine Betrachtung über den 'Übergang vom Nomen zum Verbum', also von Übergangs- oder Grenzkategorien, ein Gedanke, der in bezug auf Flexions- und Derivationskategorienüberschneidungen in jüngerer Zeit mehrfach erörtert und z.B. von Dressler 1989 im Sinne von 'unprototypischen Vertretern von morphologischen Subsystemen' ähnlich beschrieben wurde.

Es giebt sowohl in den wirklichen Sprachen, als in dem allgemeinen Schema der philosophischen Grammatik eine eigne Gattung von Wörtern, welche den Uebergang vom Nomen zum Verbum bilden, ohne jedoch so sehr aus der Natur des Nomens herauszugehen, um einen eignen Redetheil auszumachen: die Infinitiua, Gerundia, Supina, u. Participia. Ihre Eigenthümlichkeit besteht nemlich, wie schon eine oberflächliche Betrachtung zeigt, darin, daß sie nicht, wie die Substantiua u. Adjectiua, sondern wie Verba construirt werden, und da den Accusativ regieren, wo bei jenen der Genitiv oder eine Praeposition stehen würde. Ihre wahre Natur u. Entstehung aber ist folgende. / Das Geschäft des Verbums ist das wirkliche (reelle und actuelle) Fortschreiten vom Subject zum Praedicat. Die Einbildungskraft stellt sich wirklich eine Bewegung des einen zum andern, ein Entstehen des einen durch das andre vor. Nimmt man nun aus diesem Begriff die bestimmte Actualität der Handlung weg, läßt aber die Handlung des Fortschreitens, nur allgemein u. unbestimnt, von der Einbildungskraft fortdauern, so entstehen jene, den Verbis ähnliche Nomina. [GK, p. 392]

Im weiteren Verlauf dieser Überlegungen legt Humboldt dar, wie durch die genannten morphologischen Kategorien ein derivativischer Schritt gesetzt wird, der das Verb bis zu einem gewissen Grad nominalisiert und dabei 'allgemein und unbestimmt' macht.

Das Verbalsystem

Dies führt zur Behandlung der Verben durch Humboldt, ein Bereich, den er wie die meisten seiner Vorgänger als den schwierigsten ansieht:

Kein Theil der Vaskischen Grammatik scheint auf den ersten Anblick so weitläuftig, dunkel u. verwirrt, und keiner setzt dem jenigen, der Vaskische Bücher lesen oder Vaskisch sprechen will, so viele Schwierigkeiten entgegen, als das Verbum. [GK, p. 398]

... und nicht nur zufällig wohl bricht das Krakauer Manuskript wenig später ab... Aber das Prinzip der Auxiliare und indeklinablen semantischen Verben erwähnt er schon früher, im Abschnitt über die Wortarten (Redetheile):

2. (14.) Verba in dem Verstande, als unsere Sprachen, hat die Vaskische eigentlich gar nicht. Sie besitzt bloß ein Paar Hülfsverba, vermöge welcher sie alle übrige bildet; gerade als sagten wir, statt ich esse, schlafe, stehe, immer ich thue essen, schlafen, stehen, und auf ähnliche Weise, als das Englische to do gebraucht wird. Nur dies Hülfsverbum ist in der grammatikalischen Bedeutung des Worts ein Verbum, der übrige Zusatz ist bald ein wahres Adjectiuum, bald ein mit einer Praeposition verbundenes Substantiuum (Gerundium), bald der unbestimmte Begriff der Handlung überhaupt (Infinitiv) bald noch etwas andres. Dies einzige Verbum der ganzen Sprache verrichtet allen Dienst, dessen der Redende bedarf, u. |...| erhält durch den Zusatz jedesmal seine bestimmte Bedeutung. [GK, p. 377ff.] [08]

Die 'Nominalisierung' der Verben führt demnach zu einer Verwischung der Grenze zwischen den Wortarten:

Zwischen denjenigen Wörtern nun, die gemeinhin Verba genannt werden, die es aber, da sie nur durch Hinzukunft des auxiliars eine Verbindung zwischen dem Prädikat und dem Subjecte bewirken können, eigentlich nicht sind und den Nominibus, ist eigentlich gar kein grammatikalischer Unterschied, so daß hier diese beiden Redetheile schlechterdings in einander übergehen. [GK, p. 380]

Die von Astarloa beeinflußten, aber von Humboldt entwickelten Ansichten über das baskische Verbsystem und die Transposition der Wortarten hat in besonderer Weise die spätere Baskologie stimuliert (vgl. Gómez 1996: 617).

Rektionskasus und lokativische Kasus

Ein früher Einblick in die entstehende Grammatikalisierungstheorie Humboldts findet sich in den Grammatikskizzen zum Baskischen im Hinblick auf Kasus; da die baskischen Rektionskasus und lokativischen Kasus formal ununterscheidbar sind, während andere lokativische Angaben durch Postpositionen angegeben werden, erörtert Humboldt das Wesen von grammatischen und lokativischen Kasus durch die Distinktion von 'Kasus' und 'Prä/Postpositionen':

Wenn man sich ein Wort in einer bestimmten Beziehung auf ein andres denkt; so ist entweder diese Beziehung eine von denjenigen allgemeinen, welche aus dem bloßen Begriff der Relation herfließen, oder eine solche besondre, deren Einsicht erst einen Mittelbegriff voraussetzt; und dieser sichtbare u. wichtige Unterschied bestimmt in der allgemeinen Grammatik den Unterschied zwischen der Fallbeugung und der Praeposition. [...] Fallbeugungen muß es daher so viele und kann es nicht mehr geben, als in der Tafel der Kategorie der Relation verschiedene Verhältnisse aufgefunden werden. Alle Sprachen müßten, genau genommen, gleich viele haben. Praepositionen sind so viele möglich, als es Nuancen der Beziehungen bildenden Mittelbegriffe geben kann. [GK, 383.]

Weiters unterscheidet er bei den 'Präpositionen' direkte und metaphorische Verwendung:

Die Praepositionen drücken Beziehungen, aber durch besondere, eigentlich oder figürlich genommene Mittelbegriffe aus. [GK, 383.]

Kurz darauf erörtert er auch die Genese von Kasus aus Postpositionen und deren Herkunft aus semantischem Material, ganz im Sinne von 'Grammatikalisierung':

Es ist die Frage, ob es nun auch noch eine einzige Sprache giebt, in der wenigstens nicht bei einigen Praepositionen von Fallbeugungen (denn in etymologischer Hinsicht sind beide vollkommen dasselbe, da ursprünglich die letzteren immer angehängte Praepositionen sind) alle Spur ihres substantivellen Ursprungs verwischt sey. [...] Gewiß aber sind die Spuren dieses Ursprungs in allen Sprachen bei verschiedenen Praepositionen auch selbst verschieden, und jede hat noch einige behalten, die noch jetzt fast vollkommen den Substantiven ähnlich sehen. Im Vaskischen, u. nicht da allein, werden, wenn ich so sagen darf, neue Praepositionen durch Zusammensetzungen von Substantiven mit älteren gebildet. So z.B. landan, außen, außerhalb, ausgenommen von landa, das Land, die Flur, u. n, die Ort bezeichnende Partikel, welche, wie wir in der Folge sehen werden, im Vaskischen eine große Rolle spielt. [GK, 384]

Diesen allgemeinen Annahmen widerspricht das Baskische, indem es

[...] 1. Diesen Unterschied ganz und gar aufhebt, / 2. daher nie oder nur selten Fallbeugung und Praeposition zugleich (einen durch die Praeposition regirten Casum) setzt, und /385/ / 3. Wo dies geschieht, immer die Praeposition als ein Substantiuum behandelt, das in Verbindung mit einem andern Substantiuum den Genitiv erfordert. [GK, 384f.]

Wie man sieht, versucht Humboldt anhand des Vergleichs des Baskischen mit indogermanischen Sprachen den Unterschied zwischen Rektionskasus und lokativischen Kasus zu ergründen . Da die letzteren nicht in derselben Weise grammatikalisiert sind, nennt er sie "Präpositionen" und unterscheidet damit also verschiedene funktionale Elemente. Ihre weniger starke Grammatikalisierung drückt sich durch ihre 'Nominalität' aus, die Genese aller Kasus erklärt sich aus Nomina, die als Heads Genitivattribute regieren. Mit der Grammatikalisierung verlieren sie diese Eigenschaft und werden zu Suffixen. Den (lateinischen) Ablativ rechnet er zunächst zu den Rektionskasus, wenngleich zu den am wenigsten grammatikalisierten (GK, 385):

Unter diesen allein möglichen Fällen ist derjenige, welcher die meiste Unbestimmtheit enthält, der Ablatiuus. Denn der Gegenstand, der in Abhängigkeit von ihm dargestellt wird, erscheint passiv als Wirkung und kann auf verschiedene Weise aus der Ursach, auf die man zurückgeht, entstanden seyn. Der Ablatiuus hat daher auch im Vaskischen nicht nur die meisten Endigungen, sondern diese Endigungen sind auch ganz unveränderte selbst für den A|...| u. leicht trennbare Präpositionen." [vgl. GK, cap. 12]

Und in einer von Azkue in Auftrag gegebenen (orthographisch äußerst eigenwilligen) Abschrift findet sich schließlich:

Der Ablativ, der sich in mehreren Sprachen findet, geht aus dem Begriff eines eigentlichen Casus, wie er oben bestimmt sichtbar hinaus, da seine Bedeutung unbestimmt ist [sic], u. er ist erst durch Hinzufügung einer Praeposition, deren er mehrere bei sich führen muss, verständlich ist. [sic] [Grammatikabschrift von Azkue, Anm. 3.]

Es ist also der baskische Ablativ, der Humboldt die Evidenz beisteuert, ihn als lokativischen Kasus zu sehen, der eben auch formal abweicht und den sogenannten 'Präpositionen' ähnlich ist.

Bereits Bernhardi 1805 und Astarloa n.d. unterscheiden Kasus und Präpositionalkonstruktionen, aber nur bei Humboldt findet sich die klare Darstellung über die 'Verwandtschaft', die sich aus dem Wesen der Rede und dem etymologischen Zusammenhang erklärt. Damit formuliert er in seinen baskischen Grammatikfragmenten zum ersten Mal einen Gedanken, der sich 1822 in der Akademierede "Über die Entstehung der grammatischen Formen und ihren Einfluss auf die Ideenentwicklung" wiederfindet und der als Grundlegung der Grammatikalisierungsdiskussion bei Humboldt gilt (vgl. Hurch & Kerejeta 1995a).

Ergativität

Während andere Autoren das bis dahin unidentifizierte Phänomen der Ergativität entweder gar nicht erkannten (z.B. Adelung 1809) oder mit Interpretationen wie der Passivhypothese (z.B. bei Schuchardt) zu erklären suchten, erkannte Humboldt das Phänomen der Ergativität in seiner Grundfunktion als "handelndes Subjekt" an [09].

Daß die Vaskische Sprache ein eigenes Casus-Zeichen für den Fall besitzt, wenn das Subject im Handeln begriffen ist, scheint mir auch in Rücksicht auf die allgemeine Grammatik nicht unwichtig. [...] [Berichtigungen und Zusätze, GS III: 256 f.]

Er hat ihm lediglich keinen eigenen Namen gegeben, weil er das Phänomen der Ergativität für selten [10] hielt; in der Krakauer Grammatik gibt er sogar an, keine andere Sprache mit diesem Phänomen zu kennen:

Eine, die ich in keiner andern Sprache kenne, ]ist,[ ist das c, welches den Nominativ an sich trägt, sobald das Subject als handelnd vorgestellt wird. [GK, cap. 17.] [11]

Humboldt bleibt also bei einer strikt semantischen Definition des Ergativs (als Agentiv) und vermeidet spätere Ansätze passivischer Interpretation usw.; für ihn ist der Nominativ der Subjektskasus, der im Baskischen eben in zwei Formen vorkommt, als "Andeutung des Seyns und des Handelns", wobei das Baskische in der zweiten Bedeutung besonders bezeichnet (GS VI/2: 374). Der Accusativ hingegen ist ein Kasus, der keine eigene Endung hat:

"Dagegen ist der Accusativus, das Vorschreiten von der Ursach zur Wirkung, der bestimmteste unter allen Fällen. Denn die Ursach, sobald sie ein wahres Handeln ist, kann nur Eine Beziehung auf die Wirkung haben, sie hervorzubringen. Den Accusativus also (die Beziehung, die nie eines Mittelbegriffs bedarf, um verständlich zu sein) durch eine ausdrückliche Praeposition zu bezeichnen, ist in hohem Grade unnatürlich. [...] Die Vaskische läßt den Accusativ ohne Praeposition, und da sie außer den Praepositionen keine Fallbeugung kennt, so bleibt derselbe ganz unverändert im Nominativus" [GK, cap. 12]

5. Humboldt und die Baskische Philologie

Humboldt verfügte nicht nur über Abschriften und Exzerpte der wichtigsten baskologischen Werke seiner Zeit, die heute z.T. von besonderem Wert sind, er veröffentlichte nicht nur selbst einige bedeutende Schriften, die ihm den Ruf eines Experten für Baskisch eintrugen, wodurch er als jener Vorreiter gesehen werden kann, der das Baskische in den Blickpunkt des Interesses der internationalen Sprachwissenschaft rückte, sondern er war auch von ganz besonderem Wert für die einheimische baskische Philologie. Zum einen erlaubte sein universaltypologischer Klarblick, der, um es neuerlich zu erinnern, nicht daran interessiert war, alles wie Bopp dem Indogermanischen einzuverleiben (vgl. Mueller-Vollmer 1993) oder wie etwa Adelung und Hervas für die 'lingue conosciute' oder auch später Bonaparte für das Baskische bloß Datensammlungen anzulegen (vgl. Mitxelena 1973), sondern das Baskische in ein linguistisches Gesamtbild bringen konnte und das 'unmögliche Unternehmen' [12] zu einem möglichen umformte. Darüberhinaus vergaß die pyrenäische Minderheitennation Humboldt nie, daß er im Zuge seines linguistisch-anthropologischen Interesses das Baskische mehrfach als 'selbständige Sprache' und die Basken als 'eigenständige Nation' bezeichnete - wobei er sich aber nicht zu Nationalstolz verstieg wie etwa Astarloa, sondern von außen und 'wissenschaftlich' diese Meinung vertrat.

Das Vaskische ist eine Haupt- u. Muttersprache. [Humboldt, Coll.Ling.Fol. 74: 403] [13]

[...] Das Vaskische ist wirklich eine eigne Sprache, und zwar eine ältere als die Griechische und Lateinische in der uns bekannten Form. Sollte dies bloß aus den Wörtern bewiesen werden, so würde ich es nicht so entschieden behaupten. [...] Allein der grammatische Bau kann nicht trügen. Er ist über allen Zweifel hinaus original, und so alterthümlich, so sehr den Sprachen, die noch wenig Veränderungen erlitten haben, ähnlich, daß dies allein entscheidet. Da nun die Wortformation diesem Bau entspricht, so beweist dies schon indirect auch für die Wörter, und man hat nunmehr doppelten Grund, die wahrhaft eigenthümlichen dieser für ursprünglich Vaskisch zu nehmen. [Humboldt an Schlegel am 01.11.1821]

Das Interesse an Humboldts Baskologie riß im Baskenland selbst bis in die heutige Zeit nicht ab. Azkue, Garate und andere ließen Abschriften und später Photographien/-kopien von Manuskripten anfertigen, und sie veröffentlichten spanische Übersetzungen von Texten, die im Original bis heute unveröffentlicht sind (vgl. Garate 1933, u.a.). Das Interesse zeigte sich in dem umfangreichen RIEV-Band von 1995 und ebenso in dem Plan, auch die nun in Vorbereitung befindliche deutschsprachige Edition auf Spanisch ebenfalls vollständig herauszugeben. So bleibt Humboldt für die Baskologie ein wichtiger historischer Meilenstein, auch wenn ihn Trask (1997: 54) völlig richtig nicht als deren 'Begründer' ansieht; Michelena 1973 sieht ihn doch als denjenigen, der die Baskologie internationalisiert:

Pour nous, basques, Humboldt a représenté le premier contact réel de la tradition linguistique locale, qui avait alors atteint un haut sommet, avec la tradition scientifique occidentale; le deuxième dont la continuité semble assurée, ne se produira qu'avec Hugo Schuchardt, cent ans après. [Michelena 1968]

So kann es im Angesicht der Vorarbeiten Humboldts nicht verwundern, daß von allen nichtbaskischen Sprachwissenschaftlern gerade in Berlin im 19. Jh. ein konstantes Interesse am Baskischen herrschte, v.a. im Kreis der Herausgeber der Zeitschrift "Euskera" (auch wenn diese Tradition gerade nicht das Gefallen des anderen bedeutenden Baskologen, Schuchardt, fand).

6. Wirkung

Das Baskische mit seiner von den dazumal allgemein bekannten Mustern abweichenden Grammatik ist für Humboldt als erstem Sprachwissenschaftler Anstoß zu einer grundsätzlichen methodischen und kategorialen Neuformierung sprachwissenschaftlicher Betrachtung, wie sie sich später in allgemeineren Studien, etwa die über den Wortakzent oder jene über den Dualis in meisterhafter Weise universaltypologisch spiegelt. Es ist das Baskische, mit dem Humboldt jene Methode der detaillierten Untersuchung von Einzelgrammatiken mit universaltypologischem Interesse begründet. Und das Baskische ist die Sprache, mit der sich Humboldt am längsten beschäftigt.

Nicht nur mit seinem Hauptwerk über die Kawi-Sprache, deren Einleitung posthum als eigenes Werk (1836) mit dem Titel 'Ueber die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts' und anderen 'allgemeineren' Werken, sondern auch mit den sprachspezifischen Arbeiten wie z.B. der 'Prüfung über die Urbewohner Hispaniens' verfolgt Humboldt eines seiner Hauptanliegen, das letztendlich das eigentliche Ziel seiner Sprachstudien bildete, nämlich durch die Sprache Aufschluß über die Urgeschichte und den Nationalcharakter der Völker zu erhalten. Damit steht er in der Tradition der deutschen Romantik, die einen engen Zusammenhang zwischen Nationalsprache und nationaler Identität sah (vgl. v.a. Herder, Fichte und de Staël). Sprache ist für Humboldt ein "Bildungsmittel der Nationen" (GS IV: 8), die Verschiedenheit der Sprachen sieht er nicht nur als eine von "Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst. Hierin ist der Grund, und der letzte Zweck aller Sprachuntersuchung enthalten" (GS IV: 27). Das vergleichende Sprachstudium und die dadurch erst mögliche Erforschung der einzelnen Völker und Nationen dient letztlich dem übergeordneten Ziel, die Weltgeschichte von einem anderen, neuen Standpunkt aus zu betrachten.

Dieses so hochgesteckte Ziel und Programm Humboldts aber erschließt sich nicht allein aus den vorliegenden, meistenteils posthum kompilierten 'sprachphilosophischen' Schriften allein; erst die Edition seiner 'empirischen' Arbeiten wird den gesamten Umfang seiner Linguistik darlegen.

Endnoten

8. Literatur

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